Musik im Untergrund : Diese Zauberflöte wird unterirdisch

Christoph Hagel verlegt Mozarts Werk in den U-Bahnhof Bundestag - zuvor hatte er mit Inszenierungen im E-Werk oder im Bode-Museum für Aufmerksamkeit gesorgt. Mit dabei: Ex-Selig-Sänger Jan Plewka.

Frederik Hanssen
Plewka
Ganz großer Bahnhof. Jan Plewka gewann mit seiner Band Selig den Echo - jetzt spielt er mit im Mozart-Stück. -Foto: Heinrich

Prinz Tamino ist ratlos. Aus unerklärlichen Gründen ist er aus seiner Märchenwelt auf einen U-Bahnhof geraten, wo er von einer gelben Schlange auf Schienen verfolgt wird. Dann hat er in der Zeitung das Foto einer Prinzessin gesehen, die vom BVG-Chef Sarastro entführt worden ist. Zu diesem Bösewicht will er sich nun aufmachen, um das Mädchen zu befreien. Doch wohin soll er sich wenden? Da fällt sein Blick auf eine Säule mit einem leuchtenden Klingelsymbol oben drauf. Tamino drückt den Info- Knopf – da tönt es aus dem Lautsprecher: „Dit is ja wohl jetzt ’n schlechter Scherz! Wir beobachten Euch schon seit Stunden auf unserem Monitor!“

Der Dirigent Christoph Hagel macht mit jungen Sängern Mozarts „Zauberflöte“ im U-Bahnhof Bundestag, der zur so genannten Kanzler-Linie gehört, die mal den Hauptbahnhof mit dem Brandenburger Tor verbinden wird. Das unterirdische Bauwerk am Paul-Löbe-Haus ist bereits schlüsselfertig, sogar die Infosäule auf dem Bahnsteig hat eine direkte Verbindung zur BVG, wie der Tenor Michael Müller, der den Tamino spielt, jüngst bei einer Probe feststellen konnte. Derzeit können nur die Mitarbeiter in der Leitzentrale die Vorbereitungen zu dem aufwändigen Opernprojekt via Überwachungskamera mitverfolgen, ab 26. April lädt Christoph Hagel dann die ganze Stadt ein. Denn für alle Berliner inszeniert der manisch progressive Musiktheatermacher Mozarts Megahit.

„Die ,Zauberflöte’ ist echtes Volkstheater“, schwärmt er während einer Probenpause, „in diesem Stück agieren nicht nur Fantasiefiguren, sondern auch echte Menschen, urbane Typen, denen wir jeden Tag auf der Straße begegnen. Oder in der U-Bahn.“ Einen Papageno von heute stellt sich Hagel beispielsweise als Prekariats-Bohemien vor, als lebenslustigen Hartz-IV-Empfänger, der sein magisches Glockenspiel im Mülleimer findet und damit die BVG-Kontrolleure besänftigt, die ihm auf den Fersen sind. Gespielt wird ein Papageno von Jan Plewka, 37, der in den 90er Jahren Sänger der Rockband Selig war und heute Teil der Indie-Gruppe Tempeau („Mädchen aus Greifswald“) ist.

Durch eine „Don Giovanni“-Inszenierung im E-Werk wurde Christoph Hagel in den 90er Jahren bekannt. Während er zunächst von vielen Kritikern als Maestro der New Economy bekämpft wurde, begeisterte sich das breite Publikum von Anfang an für die Event-Oper, die Hagel selber „den dritten Weg“ nennt: Irgendwo zwischen dem belehrenden Musiktheater der Hochkulturinstitutionen und dem Halligalli des privaten Entertainmentbusiness hat er seinen Platz als charismatischer „Kultur für alle“-Missionar gefunden. Er hat eine „Zauberflöte“ im Zirkuszelt gemacht, „Die Entführung aus dem Serail“ ließ er in einer Kirche, einer Synagoge und einem muslimischen Gebetshaus spielen, er sorgte beim „Charlottenburger Schlossgartenfest“ für szenisches Divertissement und brachte zwei Shows mit klassischer Musik im Wintergarten-Variété heraus. Zuletzt fuhr Hagel mit Mozarts Frühwerk „Apollo und Hyacinth“ im Bode-Museum einen Überraschungserfolg ein: Die Ticketnachfrage war so groß, dass aus 18 geplanten Abenden 40 wurden.

So viele Vorstellungen sind jetzt auch für die neue „Zauberflöte“ angesetzt. 680 Plätze bietet die ungewöhnliche Spielstätte. Der vom Kanzleramts-Architekten Axel Schulthes als tiefer gelegte Kathedrale mit mächtiger Säulenhalle angelegte Prachtbau ist allein schon eine beeindruckende Kulisse. Für die Szenen, in denen das Märchenhafte in die Welt von heute einbricht, hat die Videokünstlerin Tina Zimmermann zudem surreale Projektionen ersonnen. Hagel, der nicht nur die Berliner Symphoniker dirigiert, sondern diesmal auch sein eigener Regisseur ist, entwickelte mit zwei Profitextern neue Dialoge, die er derzeit auf ihre Bühnentauglichkeit überprüft. Die Partitur will er von den üblichen dreieinhalb Stunden auf 120 Minuten kürzen. Welche Arien geopfert werden, weiß Hagel noch nicht, überhaupt hinterlässt der Probenbesuch den Eindruck, dass es sich hier um ein echtes work in progress handelt, an dem bis zur Premiere nichts endgültig festgelegt ist. Nur eines steht mit Sicherheit jetzt schon fest: Diese „Zauberflöte in der U-Bahn“ wird unterirdisch.


DIE PREMIERE

Die Voraufführung der „Zauberflöte“ findet am kommenden Dienstag statt, der große Premierenabend ist dann für Sonnabend, 26. April, angesetzt. Das Stück wird gezeigt bis 25. Mai stets um 20 Uhr. Sonntags – bis auf den 18. Mai – findet zudem jeweils eine zweite Vorführung bereits um 15 Uhr statt.

DIE KARTEN

Vier Kartenkategorien werden im U-Bahnhof Bundestag angeboten: Die preiswertesten Tickets kosten 34 Euro, die teuersten 50 Euro.

Der Eingang zum U-Bahnhof befindet sich zwischen Paul-Löbe- Haus und Kanzleramt in der Otto-von-Bismarck-Allee in Mitte. Die Nummer des Kartentelefons lautet: 01805 4470.

Im Netz: www.zf-u.de

DAS PORTRAIT

Ein Portrait von Sänger Jan Plewka lesen Sie am kommenden Donnerstag in unserer Theater-Beilage „Spielzeit“.

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