Musik : Ostrock-Doku am Alex

"Flüstern und Schreien": Die berühmte Ostrock-Doku läuft am heutigen Freitag umsonst und draußen auf dem Alex.

Nana Heymann
Silly
Zahm aber zottig: Uwe Hassbecker von Silly (r.) und ein weiblicher Fan. -Foto: Progress

Beinahe wäre das Vorhaben nicht zustande gekommen, denn die Vorgesetzten der Defa hatten zunächst Bedenken. Eine Dokumentation über die Musikszene in der DDR? Ein Film über das Lebensgefühl junger Menschen im Osten? Den Entscheidern des Filmstudios schien die Idee des Filmhochschulabsolventen und Rockmusikfans Dieter Schumann nicht ganz geheuer. Doch dann kam Michail Gorbatschows Perestroika, die Kulturschaffenden waren plötzlich offener für neue Themen – und Schumann konnte sein Projekt doch noch verwirklichen. Im Oktober 1988 kam „Flüstern und Schreien“ schließlich in die Kinos.

Ein Jahr reisten Dieter Schumann und sein Team durch die Republik. Sie standen mit Musikfans bei Konzerten im Regen. Sie unterhielten sich mit Silly über Erfolg und mit ganz normalen Jugendlichen über deren Perspektiven und Lieblingsbands. Und sie fuhren mit ein paar Nachwuchskünstlern aus Prenzlauer Berg in deren ausgebautem Tourbus an die Ostsee. Auf der Fahrt erklärt einer von ihnen, ein schmaler Mann mit blondierten Haaren und runder Brille, wie Lieder entstehen: „Das ist urst kompliziert.“ Es ist Christian „Flake“ Lorenz, damals Mitglied der Punk-Band Feeling B, heute Keyboarder von Rammstein.

Am heutigen Freitag Abend eröffnet „Flüstern und Schreien“ ab 21 Uhr in einer Open-Air-Aufführung auf dem Alexanderplatz die Filmreihe „20 Jahre Mauerfall: Geteilte Vergangenheit – gemeinsame Geschichte“. Bereits ab 19 Uhr gibt es ein Gespräch mit Jan Josef Liefers und Dieter Schumann. Dass ausgerechnet seine Dokumentation die Veranstaltungsreihe eröffnet, hat einen Grund: „Es war das erste Mal, dass sich das Filmwesen getraut hat, der Jugend mal auf’s Maul zu schauen“, sagt er. Nicht immer war das systemkonform. Ein Lichtenberger Punk bezeichnet sich beispielsweise als arbeitssuchend, was bei der Abnahme des Filmes prompt zu Diskussionen führte.

An den Abend der Premiere kann sich Dieter Schumann noch heute gut erinnern. Im „Colosseum“ hatten er und sein Team selbstgemalte Filmplakate aufgehängt, mit einem Zitat von Feeling B: „Wir wollen immer artig sein – denn so hat man uns gerne.“ Die Mühe war allerdings umsonst. Unbekannte rissen die Plakate von den Wänden, Schumann vermutet, dass es Stasi-Mitarbeiter waren. Dennoch sahen eine Million Menschen die Dokumentation.

Besonders schwierig waren anfangs die Dreharbeiten mit Silly. „Sie waren in einer unangenehmen Situation“, sagt Dieter Schumann, „sie waren Stars, litten aber unter ihrer Etabliertheit – sie wollten engagierte, politische Kunst machen.“ Die Befürchtung, als Staatsband vorgeführt zu werden, ist Tamara Danz und ihren Kollegen zunächst anzumerken, sie wirken verhalten und distanziert. „Bei den jungen Bands hingegen hat keiner mehr ein Blatt vor den Mund genommen – von Beginn an.“ Dirk Zöllner besingt in einem Lied etwa einen Bauer namens Fritzchen Frust, der genug vom Leben auf dem Land hat und neue Herausforderungen in der Stadt sucht – eine Metapher auf die wachsende Unzufriedenheit der DDR-Jugendlichen und deren Sehnsucht nach Veränderung.

„Wir wollten Musik immer im Spiegel der Jugend zeigen“, sagt Dieter Schumann. Heute ist „Flüstern und Schreien“ ein beeindruckendes Zeitdokument. Es zeigt Ost-Berlin, wie es unter einer dicken Staubdecke zu ersticken droht. Und es zeigt junge Menschen, die sich gegen das Ersticken wehren – und sei es nur mit ihren bunten, wild toupierten Haaren. Ein Polizist sagt am Rande eines Konzertes in die Kamera: „Ich bin der Meinung, wir müssen ein bisschen was tun für die Jugendlichen hier. Die sollen sich austoben.“ In diesem Moment ahnt man, dass wenig später etwas geschehen musste.

1994 drehte Schumann einen zweiten Teil seiner Doku. Er traf sich erneut mit Feeling B, deren Keyboarder Flake kurz darauf mit Rammstein berühmt wurde. Rockmusik hört Schumann, der bei Schwerin wohnt, heute noch. Nur die Themen seiner Arbeit sind mittlerweile andere: Zurzeit dreht er eine Langzeitbeobachtung über Werften in Wismar und Warnemünde. Ursprünglich wollte er damit den Wandel von Arbeitskultur dokumentieren. Doch dann kam im vergangenen September die Weltwirtschaftskrise dazwischen. Nun handelt sein Film auch vom Kampf ums Überleben.

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