Musik : Swing die Friedrichstraße

Auf der Amüsiermeile haben schon die berühmtesten Tanzorchester gespielt. Nun setzt Andrej Hermlin der Nord-Süd-Magistrale ein musikalisches Denkmal.

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In seinem Revier. Hermlin ist fasziniert von der Geschichte der Friedrichstraße. Sein neues Album nimmt er daher – natürlich – im...

In seinem Haus in Niederschönhausen fühlt sich der Gast in die zwanziger, dreißiger Jahre versetzt: schwarze, nach hinten gebogene Ledersessel, Lampen, Tisch und Stühle im Bauhaus-Stil, das rabenschwarze Hörer-von-der-Gabel-abnehm-Telefon (funktioniert und klingelt durchdringend), sogar der Aschenbecher ist stilecht. Und der Hausherr mit seinem dunklen Anzug, dem breiten Hosenschlag und dem weißen Einstecktuch neben dem Revers sowieso. Andrej Hermlin, der Musiker und Bandleader, liebt das Outfit jener Jahre, und er lebt sie auch, die Zeit, vom Scheitel bis zur Sohle. Man muss sich nur eins jener Konzerte anhören, in denen sein Swing Dance Orchestra in großer Besetzung spielt. Da wackelt die Wand. Da swingt der Saal. Und da schwingt Freude mit und Nostalgie an den Pulten und vor Mikrofonen, die dereinst schon die Hits von Glenn Miller oder Benny Goodman verschluckt hatten.

Jetzt ist Andrej Hermlin auf eine famose Idee gekommen. Inspiriert von Rainer Boldt, dem rührigen Chef der Interessengemeinschaft Friedrichstraße, setzt er der wiedererstandenen Nord-Süd-Magistrale, die einst Berlins quirlige Amüsiermeile mit Tanzpalästen und Cafés war, ein musikalisches Denkmal. „Swing aus der Friedrichstraße“ ist der Untertitel der neuen CD „Schwingende Rhythmen“. Bald starten die Aufnahmen im Tonstudio vom Friedrichstadtpalast. Im November spielt das Orchester die 16 Titel in einem Konzert im Schauspielhaus. Ehrengast ist die Tochter des legendären Orchesterchefs Kurt Widmann.

Die bekanntesten deutschen Tanzorchester von damals haben in diversen Etablissements rund um die Glitzermeile für unsere Groß- und Urgroßeltern gespielt, sind Teil des Mythos, der die Friedrichstraße seither umgibt: Willy Berking, Heinz Wehner, Fud Candrix, Teddy Stauffer oder Lutz Templin alias Charly and his Orchestra. Die Musik wurde im „Clou“ gespielt oder im „Mokaefti“ an der Ecke Leipziger Straße, im alten Wintergarten, in Cafés und Restaurants oder abends zum Tanz. Hermlin spricht von der Crème de la Crème, wenn er die Orchester aufzählt, die da nach seinen Recherchen einst in der Friedrichstraße musiziert haben. Ihr Stil kommt dem Mann, der seit 1986 sein Orchester leitet, sehr gelegen, „wir sind auf Swing focussiert“, sagt Andrej Hermlin, und das Echo seiner (meist ausverkauften) Konzerte beweist, dass dieser Rhythmus nie aus der Mode gekommen ist. „Ich freue mich, dass so viele Leute, auch jüngere, dieses Musikgefühl mit mir teilen.“

Die Melodien sind zum Hören wie zum Tanzen geeignet, die Texte handeln von Liebe, Freude und Verzweiflung, sind also ebenso zeitlos wie die eleganten Melodien von Gershwin bis Hermlin. „Und wir wollen das Gefühl vermitteln, wie die Bands damals geklungen haben.“ Fühlt er sich dabei als Erneuerer oder mehr als Bewahrer? Der Orchesterchef überlegt keinen Augenblick: „Wir sind Bewahrer und erzählen ein lebendiges Stück Geschichte dieser Straße – wir bringen ihre Historie zum Klingen.“ Und dazu gehören auch die Filmmusiken: die Titelmelodie zu „San Francisco“, „Frauen sind keine Engel“ oder „Für eine Nacht voller Seligkeit, da geb ich alles hin“. Die neuen Arrangements basieren auf alten Schallplattenaufnahmen und Noten. Das Einspielen dauert nicht länger als drei Tage – die Band gibt dabei gewissermaßen ein Studiokonzert. „Und im Übrigen möchten wir nach unseren Recherchen die Legende widerlegen, dass die Nazis den Swing in den dreißiger Jahren verboten hatten. Diese Behauptung stimmt nicht, die meisten Deutschen haben sich in diesem System ganz wohl gefühlt.“

Die Stunde ist um, wir swingen uns davon. Und entdecken in Andrej Hermlins guter Dreißiger-Jahre-Stube dann doch einen kleinen Stilbruch: Zwei Zeichnungen von Fritz Cremer, der um die Ecke wohnte, hängen an der Wand, ein Porträt von Hermlins Großmutter, gemalt von Max Liebermann. „Und in diesem Zimmer ist es passiert“, sagt der Musiker: Hier saß Stephan Hermlin, der Dichter-Vater, tippte den Protest gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann in die Schreibmaschine, diskutierte mit den Unterzeichnern, Eliten der DDR-Literatur, und löste ein ideologisches Erdbeben aus. Das war 1976. Wo damals der Schreibtisch stand, steht jetzt der Flügel, und Andrej Hermlin spielt den Swing aus der Friedrichstraße.

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