Musik : Wirf die Jukebox an

Auftritt der Woche: Richtig sicher kann man nie sein, was einen bei einem Konzert von Cat Power erwartet. Die Indie-Rock-Ikone Cat Power färbt Blues-Klassiker neu. Am Donnerstag spielt sie im Postbahnhof.

Kolja Reichert
Cat Power Foto: promo
Cat Power -Foto: promo

Bis vor einigen Jahren hatte die exzentrische Indie-Rock-Diva Cat Power bei Auftritten immer eine Whiskeyflasche dabei. Manchmal brach sie dann mitten im Konzert ab und verließ weinend die Bühne. Oder erzählte den Rest des Abends Geschichten über ihre Großmutter.

Erst während der Tour zu ihrem letzten Album „The Greatest“ überwand die Sängerin mit dem bürgerlichen Namen Chan Marshall ihre Publikumsängste und stellte fest: „Wahnsinn, die sind alle wegen mir da.“ Gerade hatte sie eine Entziehungskur hinter sich gebracht, seitdem steht sie auf der Bühne auf sicherem Boden. Berechenbarer ist sie deshalb nicht geworden. Das macht die Auftritte von Chan Marshall, die am Donnerstag den ausverkauften Postbahnhof füllt, so intensiv: dass sie jederzeit bereit ist, plötzlich was ganz anderes zu spielen, wenn ihre innere Stimme es wünscht.

Wie bei ihrem großartigen Volksbühnen-Konzert im Herbst 2006: Erst mal überraschte sie mit ihrer Begleitband. Cat Power war mit minimalistischen Gitarren- und Piano-Klängen bekannt geworden, und jetzt stand da die bombastische Memphis Rhythm Band, die einst schon Al Green begleitet hatte. Später, in ihrem Solo-Part: Setzt sich ans Klavier. Streckt das Kreuz durch. Spielt ein paar Töne, bricht ab. Beginnt etwas zu erzählen, sagt dann: „Egal.“ Wechselt plötzlich zu „House of the Rising Sun“ – um danach wieder die erratische Soul-Diva zu geben.

Cat Power ist gereift, weiß um ihre so komödiantische wie erotische Wirkung. So schafft sie es auch, virtuos mit dem Erbe des klassischen amerikanischen Songwritings zu spielen. Nach dem Ausflug in den Southern Soul hat sie nun mit „Jukebox“ mal wieder ein Cover-Album vorgelegt, auf dem sie sich als eine der besten Blues- und Soul-Interpretinnen empfiehlt, die Amerika derzeit zu bieten hat.

Frank Sinatras „New York“ und Hank Williams „Ramblin' Man“ verwandeln sich unter ihrer Stimme zu treibenden, brodelnden Blues-Nummern. Auch ihrem Idol Bob Dylan hat sie mit „I believe in you“ eine Hommage gewidmet. Mit ihrer neuen Begleitband Dirty Delta Blue hält sie dem warmen Südstaaten-Sound die Treue.

Da kommt sie schließlich auch her. 1972 in Georgia geboren, verlebte sie eine harte Kindheit zwischen geschiedenen Hippie-Eltern und der Großmutter. Ihr Vater war fahrender Blues-Pianist, hatte aber für die musikalischen Ambitionen seiner Tochter kein Verständnis. Nach einer drogenreichen Jugend mit abgebrochener High School zog es Marshall nach New York, wo sie bald von Sonic-Youth-Drummer Steve Shelley entdeckt wurde.

Spätestens seit ihrem Meisterwerk „Moon Pix“ gehört sie zu den meistgeachteten Stimmen des Indie-Rocks. Und Karl Lagerfeld ist auf die Model-Qualitäten der Sängerin aufmerksam geworden. Letztes Jahr bereicherte sie Wong Kar-Wais Film „My Blueberry Nights“ um zwei Songs und eine Nebenrolle.

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