Musikveranstalter : Waldbühne im Visier

Die Betreiber des Tempodroms haben ihr Haus nach vorn gebracht und das Goya zum Leben erweckt. Jetzt greifen sie nach Peter Schwenkows Freiluftarena.

André Görke

Herrje, die Augenringe. Da muss auch Thomas Gross, 45, lachen. Er ist ja selbst schuld, ist Manager des einst so skandalösen „Tempodrom“ und des verrufenen Nachtclubs „Goya“ am Nollendorfplatz. Zwei Projekte mit miesem Image, zwei Sorgenkinder der Stadt, pleite und am Boden. Doch Gross, der Berliner Manager der Münchner Beraterfirma Treugast, will die Locations in den Griff bekommen haben. Und jetzt? „Jetzt“, sagt Gross, „wollen wir unser Portfolio erweitern und bemühen uns um die Waldbühne.“

Die Waldbühne: Berlins schönste Konzertlocation, erbaut in den 30ern, auseinandergenommen 1965 von Fans der Rolling Stones, die sich dort heftige Prügeleien mit der Polizei lieferten. Seit 1981 ist sie in der Hand von Peter Schwenkow, der ihr auch das markante weiße Dächlein verpasste und das Image, das sie bis heute hat und von der sie lebt. Doch im Herbst startet der Senat die neue europaweite Ausschreibung. Und Gross’ Arbeitgeber will mitmischen: Das ist die „Treugast“, die sich am Berliner Markt etablieren will.

Die Waldbühne wird alle paar Jahre ausgeschrieben, das ist bisher nie groß aufgefallen. Doch Anfang des Jahres hatten sich gleich mehrere Konzertveranstalter beschwert, dass es unfair sei, dass sie die Bühne bei einem Wettbewerber mieten müssten: dem Konzerveranstalter Schwenkow, der selbst Stars unter Vertrag hat. Die Treugast, sagt Gross, säße nicht als Konkurrenzveranstalter am Tisch, sondern als neutraler Vermieter.

Im Tempodrom haben sie 2007 mit 220 Miettagen und 300 000 Besuchern nach eigenen Angaben ihr „erfolgreichstes Geschäftsjahr“ abgeschlossen. Und deshalb will die Treugast sich erneut bewerben, denn auch dieses Haus wird neu ausgeschrieben. Das Goya hingegen haben sie im Sommer 2007 für zehn Jahre gemietet. Eine Goldgrube werde es nicht, sagt Gross, aber die Marke entwickle sich.

In das Haus am Nollendorfplatz, das für viele Millionen Euro saniert wurde und nach nur wenigen Monaten im März 2006 pleite war und all die Aktionäre verprellt hatte, kehrt mit den neuen Betreibern Leben zurück. Tom Cruise hat das Haus für seine Filmcrewparty zu „Valkyrie“ gemietet. McDonald’s lud seine Manager in das ehemalige Metropol ein, und die Grünen feierten dort ihr 25-jähriges Jubiläum. Auch zwei Partyreihen finden dort statt: Die Schwulen- und Lesbenfeier „Propaganda“ und „Goya Nights“, eine Party für Gäste über 30. Die Treugast tritt dabei nicht als Veranstalter auf, sondern vermietet – los geht es bei 6000 Euro – und vermarktet das Gebäude. Kontakte sind dabei entscheidend. Und das beginnt im Kleinen: Als jüngst das Motzstraßenfest anstand, luden die Macher den Kiez ein zum Tag der offenen Tür ins Goya. „An beiden Tagen kamen 7500 Anwohner“, sagt Gross. Auch den Kontakt zu den ehemaligen Goya-Aktionären hätten sie nun gesucht. Schließlich seien diese oftmals Entscheider und Multiplikatoren aus der Kultur- und Wirtschaftsszene und hätten das Haus ja schließlich mitaufgebaut.

Der Berliner Konzertmarkt gilt als der schwierigste im Land. Die Kaufkraft ist gering und das Angebot enorm. Nächste Woche kommen R.E.M. in die Waldbühne, dann André Rieu und schließlich Herbert Grönemeyer. Drei Stars in sieben Tagen auf nur einer Bühne – von vielen. Im Olympiastadion tritt am Wochenende, vor Jahren noch undenkbar, ein Komiker wie Mario Barth auf. Die Zitadelle Spandau veranstaltet immer häufiger große Konzerte. Selbst der verhältnismäßig kleine Admiralspalast lockt bekannte Namen an, dort spielt im März Peter Maffay.

Die Veranstalter müssen sich etwas einfallen lassen und somit auch die beiden großen Freiluftbühnen der Stadt: Die Waldbühne mit ihren 22 000 Plätzen und die privat betriebene Wuhlheide mit ihren 17 000 Plätzen. Mit ihr gebe es einen „gigantischen Wettstreit“, hat Schwenkow jüngst gesagt. Während seine Waldbühne vor allem das bürgerliche Klientel anzieht mit vielen Klassikkonzerten, spielen Bands mit jüngerem Publikum in der Wuhlheide: Foo Fighters, Jack Johnson, Beatsteaks oder, wie am späten Dienstagabend, Radiohead. An diesem Wochenende rocken dort auch die Ärzte vor insgesamt 42 000 Fans an drei Abenden. Die Wuhlheide, 1996 wiedereröffnet, hat der Waldbühne ordentlich Konkurrenz gemacht: Im März wurde sie beim Branchenwettbewerb „Live Entertainment Award“ zur Location des Jahres ernannt.

Berlins Konzertszene ist in Bewegung geraten. Längst haben Peter Schwenkow, wie berichtet, und die DEAG eine Art Allianz mit der Anschutz-Gruppe gebildet. Ihr gehört die O2-World am Ostbahnhof, die ab September auch noch als Location auf dem Markt dazustößt. Allerdings: Dann wird’s langsam eh zu kalt für ein Open-Air-Konzert.

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