Nach Botschaftseröffnung : Pariser Platz: Mehr Trubel, mehr Rubel

Keine Poller mehr, keine Polizei: In die Straßen rund um die alte Amerikanische Botschaft kommt Leben. Das hoffen auch die Wirte.

Lothar Heinke

Schlagartig hat sich das Bild, das Leben und Treiben rund um die bisherige amerikanische Botschaft in der Neustädtischen Kirchstraße geändert. Die Eingangssperren hinter den Drehgittern sind verwaist. Es gibt keine Sheriffs mehr, die deutschen Polizisten sind verschwunden. Niemand kontrolliert mehr die ins Botschaftsgelände rollenden Fahrzeuge, und Fahrradfahrer werden nicht mehr angehalten, abzusteigen, wenn sie die Dorotheenstraße entlang radeln. Das Leben in der einstigen Botschaftsstraße normalisiert sich: Die riesig-runden Betonklötze, die nach dem 11. September 2001 vor die Botschaft gestellt worden waren, um feindseligen Panzern oder Lastautos die Zufahrt zu verwehren, sind verschwunden. Die Stars and Stripes wehen ein paar Hundert Meter weiter, auf dem Pariser Platz, wo sie auch hingehören.

Seit 1977, also seit 31 Jahren, hatten die US-Diplomaten in dem ehemaligen Handwerker-Vereinshaus in der Neustädtischen Kirchstraße gearbeitet. Bis zur Wende war dies die amerikanische Botschaft in der DDR, nach dem Umzug der US-Botschaft von Bonn nach Berlin wurde der Altbau zur US-Botschaft in Deutschland. Mit allen Konsequenzen. Nach den Terroranschlägen in den USA waren die Sicherheitsmaßnahmen rigoros verstärkt worden, weder die Neustädtische Kirchstraße noch die Mittel- wie die Dorotheenstraße im Herzen der Stadt waren durchgängig befahrbar. Das wird sich bald ändern: „Sobald sämtliche Poller und Sicherheitszäune beseitigt sind, werden die Straßen wieder freigegeben. Wir freuen uns darüber, dass damit der Verkehrsfluss in der City verbessert wird“, heißt es von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Sie hofft, dass sich so die Situation im Kreuzungsbereich Unter den Linden/Friedrichstraße entspannt. Man könnte dann direkt von der Glinkastraße über die Linden zur Dorotheenstraße fahren und abbiegen. Wer geradeaus fährt, landet allerdings am Reichstagufer auf der Baustelle am Tränenpalast.

„Im Laufe des August“ sollen alle Hindernisse beseitigt sein, sagt die für Poller und Sicherheitszäune verantwortliche Innenverwaltung. Wachleute in Polizeiuniformen würden allerdings nicht eingespart, sondern anderswo eingesetzt, zum Beispiel rund um die neue US-Botschaft am Pariser Platz oder in der Behrenstraße, wo ein- und ausfahrende Autos genauestens kontrolliert werden.

Direkt an der Botschaft, in einer Nische der Dorotheenstraße, liegt die Windhorst-Bar. „Es war ziemlich beschaulich all die Jahre“, sagt Günter Windhorst, „aber damit ist jetzt Schluss.“ Es werden Unruhe und Leben in die Straße kommen, Lauf- und Fahrwege werden sich ändern. „Dadurch kommen mehr Menschen, die Durst haben, und auch Autos können endlich hier halten und parken“, sagt der Bar-Chef. Der Parkplatz wird wahrscheinlich bebaut. Auch in dem leer stehenden Haus an der Ecke Mittelstraße wird sich einiges ändern – Abriss oder Neuaufbau. „Auf jeden Fall vibriert die Straße wieder.“ Günter Windhorst sieht die Zukunft positiv: „Nicht nur mehr Trubel, auch mehr Rubel.“

Auch dem Café Einstein kommt ein Teil „beruhigte Zone“ abhanden, die Außentische an der Neustädtischen Kirchstraße stehen bald mitten in Lärm und Abgasen. „Und nun müsste die Stadt etwas für die Nebenstraße tun, Bäume pflanzen zum Beispiel oder Gewerbe in den leerstehenden Gebäuden ansiedeln“, hofft Geschäftsführer Dieter Wollstein und ist zuversichtlich, auch künftig die halbe Regierung im „Einstein“ zu empfangen. Werden ihm die Amis, die mal rasch auf einen Spung vorbeikamen, fehlen? „Ach, das waren liebe, nette Nachbarn, und die haben es jetzt ja auch nicht weit zu uns“, sagt Mister Einstein. Wer ist als neuer Nachbar zu erwarten? Besitzer des Gebäudes ist der Bund, er nutzt es für den Bundestag – oder verkauft das Haus. Zunächst aber wird die Botschaft saniert. Statt Diplomaten also Bauarbeiter: die Stadt im Wandel. Lothar Heinke

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