Nacherzählt : Sarrazins Weihnachtsmärchen

Finanzsenator Thilo Sarrazin erzählt Märchen - in seinem Weihnachtsbrief, den er derzeit an Bekannte und politische Freunde verschickt. Der Herrscher über Berlins Reichtümer wandelt dabei auf den Spuren der Brüder Grimm und erzählt eine moderne Variante von "Hans im Glück". Wir bringen Sarrazins ganze Geschichte.

Thilo Sarrazin
Sarrazin im Glück
Thilo Sarrazin erzählt das Märchen "Hans im Glück". -Foto: [m]dpa ddp

Hans hatte sieben Jahre bei seinem Herrn gedient. Da sprach er zu ihm: „Herr, meine Zeit ist herum, nun wollte ich wieder gern zu meiner Mutter, gebt mir meinen Lohn.“ Der Herr antwortete: „Du hast mir treu und ehrlich gedient, wie der Dienst war, so soll der Lohn sein“, und gab ihm ein Stück Gold, so groß wie Hansens Kopf war. Hans zog ein Tüchlein aus der Tasche, wickelte den Klumpen hinein, setzte ihn auf die Schulter und machte sich auf den Weg nach Haus.

Aber das Gewicht drückte, und der Weg wurde ihm lang und beschwerlich. Da begegnete ihm ein vornehmer Herr in Nadelstreifen, der trug nur eine leichte Ledertasche. „Guter Junge, was plagt Dich denn so?“, fragte der Herr. „Ach, das Gold wird mir so beschwerlich, und der Weg ist noch so lang“, antwortete Hans. „Da kann ich Dir helfen“, antwortete der Herr, „für den Wert des Goldes bekommst Du Bankaktien von mir, und die elegante Ledertasche dazu.“ Da war Hans aber glücklich und tauschte sofort.

Kurz darauf traf er einen anderen Herrn in Nadelstreifen und erzählte ihm von dem Tausch. Der sagte: „Wie bitte, Bankaktien? Die sind in der letzten halben Stunde um 50 Prozent gefallen! Hier hast Du Bundesanleihen, da kann Dir nichts passieren.“ Hans schlug ein und dachte: „Ach, was sind die Menschen doch gut zu mir.“ Da traf er schon den nächsten Herrn in Nadelstreifen. „Wieso denn Bundesanleihen?“, fragte dieser. „Da verdient man doch nichts und ist ungeschützt der Inflation ausgeliefert. Ich habe ein paar günstige Anteile an Immobilienfonds, da bist du sicher vor der Inflation und hast schöne Einnahmen dazu.“ Gesagt, getan, Hans zog glücklich mit den neuen Papieren weiter.

Da kam wieder ein Herr in Nadelstreifen des Weges – und sagte: „Immobilienfonds sind ein Klumpenrisiko. Ich empfehle Dir asset backed securities. Ich habe hier ein schönes Portfolio, das ist durch Millionen Einfamilienhäuser in Amerika abgesichert!“ Hans freute sich sehr und zog mit den neuen Papieren weiter. An einer Biegung des Weges traf er den nächsten Herrn in Nadelstreifen, der schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als er Hansens Papiere sah. „Aber Hans“, sagte er, „die Subprime-Krise bringt alle diese Häuser in die Zwangsversteigerung. Jetzt nur schnell verkaufen und sicher investieren. Ich habe hier Lehman-Zertifikate. Die bringen hohe Zinsen und machen Deine Verluste teilweise wieder wett.“ Hans war ja so dankbar für den guten Rat und schlug freudig in den Handel ein.

Mittlerweile war es spät geworden, und gegen Abend traf er wieder einen Herrn in Nadelstreifen. Der sagte ihm: „Ein schönes Briefpapier, das Du da hast.“ „Wieso Briefpapier, das sind doch Lehman-Zertifikate“, erwiderte Hans. „Lehman existiert nicht mehr“, sagte der Herr „jetzt ist es Briefpapier. Mach das Beste draus und schreibe einen netten Brief an Deine Mutter.“ Das ließ sich Hans nicht zweimal sagen, und abends in der Herberge schrieb er an seine Mutter. „Liebe Mutter, ich habe so einen schönen Tag verlebt. Ich habe ein prächtiges Briefpapier bekommen, und lauter vornehme Herren haben mich vor schweren Fehlentscheidungen bewahrt. Ich bin der glücklichste Mensch auf dieser Erde.“

Frei nach den Gebrüdern Grimm

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