Nachtflug : Zum Frühling entschlossen

Unser Nachtpilot Thomas Lackmann fliegt durch die Berliner Kulturszene. Diesmal: Eine Hormon-Exkursion von der Weißen Rose über das Zelt am Postbahnhof und die Bremer Landesvertretung ins Ballhaus Berlin.

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Foto: Thilo Rückeis

Die Landung des Nachtpiloten am Schöneberger Wartburgplatz ist ein vorsichtiges Sichtflug-Manöver zwischen Rollstühlen eintreffender Besucher und Rauchern, die in der Aprildämmerung vor dem Portal zum Kulturzentrum Weiße Rose noch eine paffen. Im Türdurchgang hängt ein Schild, das den Namen des Hauses erklärt: der von einer Widerstandsgruppe herrührt, die sich gegen ein Terror-Regime, für „Freiheit und Menschentum“ eingesetzt habe. Im girlandenverzierten Foyer quetschen sich der Pilot und Quax, sein Beiflieger, durch eine Schar von Spastikern und Betreuern. An der Kassentheke zahlt man den Unkostenbeitrag. Einige Gäste essen Würstchen mit Kartoffelsalat.

Im Saal baumeln rotweiße Ballons, die Veranstalter tragen blinkende Plastik-Herzen. Zum „Singletreff“ der Menschen mit Behinderungen, die im Alter von zehn bis 60 hier zusammengekommen sind, füllt sich die Tanzfläche. Einige Rollstuhlfahrer sitzen so da, gucken vergnügt auf die Rundum-Hüpfenden. Andere deuten mit dem Gefährt Tanzbewegungen an. Ein jugendliches Paar knuddelt sich selig. Der Pilot zieht sich mit seiner Flasche Bier und dem Beiflieger diskret auf seitliche Tribünenstufen zurück. Beide sind als Minderheit bemüht, forsch und selbstverständlich dreinzublicken. „Du willst mich küssen, doch das geht mir zu schnell“, kommentieren Die Ärzte aus den Lautsprecherboxen. „Du solltest wissen – ich bin intellektuell. Du willst mich küssen – mitten ins Gesicht. Doch ob du mich lieb hast, das weiß ich nicht.“

Vor der Bühne wird die Wand für ein „Herzblatt“-Spiel aufgebaut. An der Rampe wünschen zwei Conferenciers einen „unvergeßlichen Abend“. Quax berichtet dem Piloten von einem belgischen Dorf, das er vorzeiten besucht habe: wo die Hl. Dymphna als Patronin der psychisch Kranken verehrt wird, weshalb traditionell dort ungewöhnliche viele, von frommen Familien adoptierte Behinderte leben; was wiederum dazu führe, daß manche Touristen gezielt das Dorf besuchen, um auf leichte Weise Opfer für sexuellen Mißbrauch zu finden. Auf der Tanzfläche schwenken Tänzer ihre Arme. Manche zuckeln oder ruckeln. Die Leiterin der Spastikerhilfe spricht den Piloten an. 1992 sei man in Berlin das Thema „Behinderung und Sexualität“ angegangen. Zweimal im Jahr findet so eine Party statt. Wer will, kann hier auch eine Kontaktanzeige aufgeben. „Does he love me?“ fragt jetzt, im Wechselgesang mit ihrem Soul-Chor, die Zauberin für Frühlingsgefühle, Aretha Franklin. „Oh, oh, oh, honey! Squeeze him tight! Find out what you wanna know! Promise love, and if it really is, it's there in his kiss!” Abflug, ostwärts.
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Auf dem Flug nach Friedrichshain ruft sich der Pilot in Erinnerung, dass sein Beiflieger zwar Recherchen für diese Route zusammengetragen hat, dass jedoch die Verantwortung im Cockpit trotzdem er selbst, der Pilot, tragen muss. Dabei ist der Ostbahnhof noch einfach zu finden, der angepeilte Backstein-Postbahnhof liegt irgendwo dahinten; wo aber genau das verflixte unsichtbare Tingeltangel-Zelt steckt, ist von muffigen Taxifahrern nicht zu erfahren.

Auf Suchflug gleiten der Pilot und Quax vorbei an Metallzäunen, Gewerbegebiet, zwischen Baumärkte, Containerarchitektur, Erdhügel. Am Straßenrand lehnen zwei Außenposten der lokalen Mafia parlierend neben ihrem Pkw und schauen verdutzt dem kühnen Duo hinterher, das sich noch weiter ins Outback der Suburbs vorwagt. Ein Kurswechsel von 180 Grad wirkt in so einer Situation uncool. Am Himmel hängt die allerschmalste Mondsichel-Sparversion. Dann steht das blaue Zelt Shake! plötzlich da, links um die Ecke. Im Vorraum, der mit Clowns-Gemälden nach Kaufhaus-Art geschmückt ist: keine Menschenseele. Prospekte zur zirkuspädagogischen Weiterbildung liegen aus.

Drinnen auf den Bänken hocken drei Dutzend jugendliche Freunde der jungen Artisten. Shake! ist eine Zirkusakademie. „Kalashnikoff“ heißt das Kabarett-Programm. Ein Barkeeper putzt Schnapsgläser. Ein sentimentaler Macho betritt mit grünhaariger Damenpuppe am rechten Arm – sein Alter Ego – die Arena. Beide tanzen miteinander. Sie schmeißt sich einem Zuschauer an den Hals. „Unforgettable“ schnulzt es aus knatternden Boxen. Quax entdeckt gerührt zwei Zirkusleute, die hingerissen unabgebrüht, im Eingang stehend den Sketch verfolgen. Das Beziehungsdrama endet offen. Liebt sie ihn trotzdem?

Jetzt will ein Engländer aufs Seil steigen, jonglieren. Jünglinge aus dem Publikum müssen die akrobatische Apparatur festhalten. Das Seil hängt durch. Alles wackelt. Er will alles auf einmal. Es kann nicht funktionieren. „Ihr lacht, aber ich könnte mir den Knöchel verstauchen,“ witzelt er. Das Unwahrscheinliche gelingt. Auf dem Kopf des Artisten dreht sich ein Ball. Es geht also doch.
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Nordwestflug, Kurs Tiergarten. Am Landwehrkanal preist ein Werbeplakat für Immobilien das „Leben zwischen Diplomaten“. In der Hiroshimastraße, an der sich noch dramatische Ruinen verstecken, liegt ganz ocker die schicke moderne Bremer Landesvertretung, neben dem Exotenbau der Vereinigten Emirate. Im Saal aus Holz und Beton singen vor großen Fenstern mit Blick ins grüne Dunkel 19 Frauen und zehn Männer, schwarzgekleidet, geleitet von einer Dirigentin, begleitet von einem Pianisten am Flügel. Spiegelndes Parkett, große Zimmerpflanze, Stühle in Orange. Deutsche Chormusik aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Poetische Dissonanzen, kühle Gefühle.

Pilot und Quax stellen sich an einen Stehtisch, hinterste Ecke. Quax erblickt ein buntes Gemälde mit dem Titel „Genesis of the Universes“. Der Chor macht dazu Musik. „Frühlingsanfang“ heißt ein Lied mit versöhnlichen Reimen: „Laßt preisen uns der Sonne Güte! Es zieht ein Lied durch die Allee. In einer ersten Apfelblüte lebt fort der letzte müde Schnee.“ In einer Hymne auf den Rotdorn summt Erinnerung. Beim Solo des Pianisten tropfen Töne aus den 1970er Jahren ins Heute. Die grüne Fluchtwegweisung leuchtet wie eine artifizielle Lightbox. Mauricio Kagels österliches Buchstabenverdrehungsstakkato Resurrexit Dominus zelebriert Wege und Irrwege der Menschwerdung. Siegfried Matthus meditiert die Erotik der Natur: „Leis streicht der Wind durchs Mädchenhaar, ganz zart und lind. Will er wie ich dir kosend sagen: Ich liebe dich, mein Mensch und Freund.“ Die Deutschen mit ihren entmauerten Herzen zeigen sich in den Klangwerken dieses vitalen Kronenchors emotional noch nicht völlig verloren.

Eine Republik-Flucht-Fantasie provoziert die beiden Flieger. „Im Auto zwischen Burg und Magdeburg sagten wir uns: Jetzt heben wir mal ab“, rezitiert der Sprecher ein Gedicht von Friedrich Christian Delius. „Pilot Pilotin sahn hinauf zum Frühlingspunkt und runter / zu den Sphären, wo sich noch Wetter abspielt, Wolkenländer, astronomische Kulissen … In Frankfurt muß das Rollwerk raus. Paß auf, wo du hinfährst, sagte ich, kurz vor der Ausfahrt Eilsleben.“ Abflug, nach Mitte.
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Tiefflug. Pilot und Quax segeln nordwärts die Chausseestraße hinauf, vorbei an Teenie-Schlangen neben der Hafenbar.Parkposition Ballhaus Berlin. Tom, der stämmige DJ, legt vor dem Glitzervorhang seine Platten auf. Aufgeklebter Stuck. Rote, nummerierte Lampen an den Tischen. Schwarze antike Telefone, die jeden Moment klingeln könnten. Das Design legendärer Balz-Rituale. Ein Freundinnenpaar lässt schnatternd Blicke schweifen.

Pilot samt Beiflieger platzieren sich mit dem Rücken zur Bar. Die stramme Kellnerin trägt statt Plastikherz ein rot blinkendes Namensschild. Eine korpulente Madame im weiten Schwarzen betritt mutig als Erste die Tanzfläche. Ein fescher Muskelmatrose im rotweißen Ringel – von Quax prompt, als Verbeugung vor Fassbinder und Genet, Querelle getauft – hockt samt unauffälligem Begleiter am Tisch vorm Ausgang. Ein agiler Tänzer, Typ drahtiger Vertreter, hottet mit der schlanken Vierzigjährigen im Minikleid, strenge Brille, den dancefloor rauf und runter.

Die Musik läppert ohne Traum-Melodie mit gleichbleibenden Beats dahin. Frauen und gemischte Paare amüsieren sich, zum Lenz entschlossen. Querelle, der Abräumer, schlendert zu den Waschräumen. Die Glitzerkugel wirft Flecke durch den Saal. Querelle besteigt mit seinem Kumpel die Galerie. „Von da oben teilen sich die beiden nun die Weiber auf,“ behauptet Quax. Vertreter bringt Brille an ihren Platz. Telefon klingelt noch nicht. Heimflug.

www.weisse-rose.de, Martin-Luther-Str. 77, 10825 Berlin.
www.shake-berlin, Am Postbahnhof 1, 10243 Berlin.
www.landesvertretung.bremen.de, Hiroshimastraße 24, 10785 Berlin.
www.ballhaus-berlin.de, Chausseestr. 102, 10115 Berlin

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