Nahaufnahme : Berlin in den Augen junger Juden

Im Rahmen des Programms "Germany close up" können junge amerikanische Juden Berlin kennenlernen. Zur Eröffnung zeigen sich bereits zwei Besucher aus New York und Detroit begeistert vom Lebensgefühl der Hauptstadt.

Elisabeth Binder

Wer das richtige Deutschland kennenlernen will, muss auch mal einer längeren Rede lauschen. Die jungen amerikanischen Juden, die am Festakt zur Eröffnung des Programms „Germany Close up“ im Centrum Judaicum in der Oranienburger Straße teilnahmen, bekamen sogar sechs Reden geboten und drei Klavierstücke. Nahaufnahmen will das Programm 18- bis 35-jährigen Studenten, jungen Berufstätigen, Rabbinern und anderen bieten. Für jeweils zwei Wochen werden sie eingeladen, um Deutschland kennenzulernen, heutiges jüdisches Leben hier, die Beziehungen zu Israel und den USA und die Erinnerungskultur.

Maxine Kaye aus New York und Daryl Robbins aus Detroit schwärmten nach einer Woche vom jungen Berliner Lebensgefühl und den für sie überraschend interessanten Gesprächen: „Wir werden auf jeden Fall wiederkommen.“

Wie motivierend persönliche Begegnungen sind, was sie verändern können, schilderte bewegend der Hauptredner des Abends, der Bundestagsabgeordnete Hans-Ulrich Klose (SPD), der unter dem Titel „Ich sehe mich mit deinen Augen“ von der überwältigenden Aufbruchstimmung seines Austauschjahres in den USA Mitte der 50er Jahre berichtete.

Ganz leicht war es offenbar nicht, das Programm aus der Taufe zu heben, das deutete der Direktor des Centrum Judaicum, Hermann Simon, an. Aber sowohl Wirtschaftsstaatssekretär Peter Hintze wie auch der Koordinator für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit, Karsten Voigt, betonten die Bedeutung, die diese Kontakte zu „einer verlorenen Identität unseres Landes“ haben. Das Programm wird vom Wirtschaftsministerium mit 500 000 Euro jährlich gefördert. Direktorin ist die Theologin Dagmar Pruin, die zuvor an der Humboldt-Universität mit Forschungen zum Alten Testament befasst war.

Yona Shem-Tov aus New York hielt die letzte Rede des Abends. Sie sprach von dem Phantomschmerz, den sie erlebt, wenn sie durch Berlin geht und sich die Schicksale all der großen jüdischen Denker vergegenwärtigt, die vor ihr dort gegangen sind. „Wir stehen nebeneinander in unserer Verantwortung, die Erinnerung wachzuhalten“, sagte sie und endete mit einem jüdischen Segen, einem Dank, „dass wir gelebt haben und diesen Tag in unseren Beziehungen erreichen konnten.“ Elisabeth Binder

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