Nahverkehr : Günter Schmidt: Lautsprecher der Berliner U-Bahn

Er wollte Lokführer werden. Weil das nicht klappte, imitiert der Gartenhelfer Günter Schmidt die Ansagen im Berliner Untergrund. Sein Detailwissen über sämtliche Ansagen und Umsteigemöglichkeiten teilt er am liebsten mit den Fahrgästen - ob diese wollen oder nicht.

Kathi Haid
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Günter Schmidt ist am liebsten mit der U2 unterwegs. -Foto: Kathi Haid

„Nächste Station: Stadtmitte. Übergang zur U6. Bitte in Fahrtrichtung links aussteigen“, schallt es durch das Abteil. Verwirrt lässt der Mann am Fenster seine Zeitung sinken. Das gegenübersitzende Pärchen stellt das Küssen und die Schülerin das SMS-Tippen ein. Alle sehen sich nach dem Ursprung der Stimme um, denn die Stationsansage kommt nicht aus dem Lautsprecher. Kurz darauf tönt die monotone Stimme wieder durch das Abteil: „Die junge Dame mit der schwarzen Jacke und der cremefarbenen Tasche bitte mal zu mir kommen und den Fahrschein vorzeigen!“

Ein unscheinbarer Mann steht dort. Grau gekleidet, mittelgroß. Er hat strähniges braunes Haar, einen unsauber rasierten Schnauzbart und leicht nach vorne stehende Schneidezähne. Bevor die „junge Dame“ ihr Ticket aus der Tasche ziehen kann, hat er schon sein nächstes Opfer entdeckt: „Hier, Sie da! Ja, Sie! Sie können nicht die Beine übereinander schlagen. Das ist eine Gefahrenquelle für die anderen Fahrgäste“, rügt der Mann ein junges Mädchen. Sie kennt ihn, wirft ihm einen genervten Blick zu, setzt sich aber doch ordentlich hin. Dann ertönt wieder seine Stimme, die jetzt die Ansage der nächsten Station originalgetreu nachahmt. „Nächste Station Mohrenstraße. Dieser Zug endet hier“, gespannt schaut der Mann in die verwirrten Gesichter – und nach einer kurzen Pause fügt er grinsend hinzu: „nicht“.

Sein Name ist Günter Schmidt, er ist 43 Jahre alt und er kennt alle Stationen der roten Linie von Pankow bis Ruhleben inklusive Ansagen und Umsteigemöglichkeiten auswendig. Dieses Detailwissen teilt er am liebsten mit den Fahrgästen, ob diese wollen oder nicht.

Ein neuer Pulk Menschen strömt in die Bahn. Unbemerkt von den zugestiegenen Fahrgästen bleibt die Gestalt im Türbereich stehen. Als sich die Bahn in Bewegung setzt, hat Günter Schmidt schon wieder etwas zu beanstanden: „Junge Frau“, sagt er und tritt an die Schülerin heran, die ihre SMS beendet und einen Anruf entgegengenommen hat: „Das Handy-Telefonieren ist in den Zügen nicht gestattet.“ Er zieht ein Büchlein und einen Kuli aus der Brusttasche und reicht ihr beides: „So, bitte einmal hier schreiben: Ich habe in der U-Bahn telefoniert – und dreimal bitte dick unterstreichen.“ Ein paar Touristen aus Bayern prusten los. „Sie sind gleich als nächstes dran. Kichern ist hier auch nicht gestattet. Einmal bitte hier eintragen.“

Sein Büchlein nennt Schmidt „Strafgesetzbuch“. Dort muss sich jeder eintragen, der sich – seiner Beurteilung nach – „falsch verhält“. Eingeführt hat er das im Januar 2000, als er bei seinen Ansagen merkte, „dass die Leute immer ihre Füße so weit in den Gang stellten“. Seither hat er über 70 000 Eintragungen gesammelt. Schmidt ist weder vom Ordnungsamt, noch ein BVG-Mitarbeiter. Der Hartz-IV-Empfänger übt diese Tätigkeit „ehrenamtlich“ aus und das am liebsten in der U2, „weil ich da die meisten Stammis (Stammfahrer) hab’.“ Die Bahnhöfe der U7 und U8 kennt er auch, meidet sie aber lieber, weil es dort zu viele Chaoten und Randale gebe.

Seit zehn Jahren steigt Günter Schmidt fast täglich in die Bahn, von 15 Uhr bis zum Morgengrauen. Für seine Termine beim Arbeitsamt nimmt er sich frei. Die Idee für seine Ansagen kam ihm, „weil zu viele Leute gefragt haben: Wo geht es hin? Ich tue das, um für Ordnung zu sorgen und weil die Leute Unterhaltung haben wollen.“ Er habe mit der U1 begonnen, alles auswendig gelernt und sich dann bis zur U8 hochgearbeitet. Die Ansagen für die Straßenbahnlinien will er bis 2010 einstudiert haben.

Nach seinem Abschluss an der Sonderschule Steglitz war er als Gartenpfleger beschäftigt und hatte dann ein paar Ein-Euro-Jobs. Er lebt zusammen mit seinem Vater, einem ehemaligen Zollbeamten, in einer Wohnung am Breitenbachplatz. Zuhause habe er ein kleines Museum, erzählt Schmidt, aus Überraschungseierfiguren und Matchbox-Reisebussen. Eine türkische Familie an der Yorckstraße habe ihm erst neulich einen Bus geschenkt, bei dem man sogar die Türen auf und zu machen und das Fahrziel einstellen könne. U-Bahnfahrer war immer Schmidts Traumberuf. Doch dafür sei er zu alt, sagte man ihm bei der BVG.

Am Potsdamer Platz steigt Schmidt aus. Hier und am Hauptbahnhof legt er am liebsten seine Essenspausen ein. Spinat schmecke ihm gar nicht, sagt er, ansonsten sei er anspruchslos.

Am Bahnsteig stellt er sich ganz dicht an einen Pfeiler, so als würde er sich verstecken wollen. Dann hält er seine Handflächen an seinen Mund und ruft: „Bitte zurückbleiben.“ Die Türen schnappen piepend zu. Auf die verwunderten Blicke der U-Bahnfahrer reagiert er mit seinem verschmitzten Lächeln. Manchmal erlaubt sich Schmidt hinter der Säule auch einen Spaß: „Der einfahrende Zug ist ein Kurzzug und hält vorne“, ruft der Mann – dabei hält er hinten. „Dann rennen se alle nach vorne“, freut sich Schmidt.

Nicht alle lachen über die Aktionen. Einige reagieren genervt und wechseln die Bahn. Schmidt nimmt es hin, denn belästigen will er niemand. Auch bei der BVG sind die Meinungen über den U2-Ansager gespalten. Einige Ordnungsbeamte aber meinen es offenbar gut mit ihm. „Sie haben angeordnet, dass nur junge Damen zu unterhalten sind“, sagt Schmidt stolz, dann steigt er in die Bahn. Er fährt wieder zurück zum Alex, „mit den Bäckerinnen quatschen“. Das ist seine zweite Lieblingsbeschäftigung. Kathi Haid

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