Stadtleben : Nette Runde

Sie wirken freundlich, einfallsreich, einladend: Geschäftsideen, gemacht für füllige Menschen – aber eben nicht ausschließlich für sie. Angebote, die niemanden ausgrenzen

Susanne Leimstoll
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Pfundiger Kundenkreis. Designerin Stefanie Schneider entwirft Dessous. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

MASSARBEIT


Sie richtet sich nach dem Bau. Oft ist der vorne ausladend, unten kurvig. Oder zierlich im Gesamteindruck, dafür oben mit viel zu umbauendem Raum, immer aber weg von der Norm, eine Herausforderung. Stefanie Schneider findet, sie sei Konstrukteurin. Sie demonstriert das an einem Werkstück, mattgrün, geschätzte Größe 120 H, sagt: „Das ist wie Architektur. Wenn ich den Balkon befestigen will, muss ich die Halterung breit machen.“ Stefanie Schneider ist Schneiderin. Sie fertigt Dessous nach Maß. Am liebsten für Frauen mit reichlich Brust und viel auf den Hüften, aber gerne auch für allzu knabenhafte. Ihre Modelle schaffen, was Konfektion nicht bietet: Alles sitzt und ist dazu noch delikat verpackt.

Konfektion nimmt aus tausend Maßen ein Mittelmaß. Da rutscht der BH hinten hoch, hält nichts zusammen. Wo Bauch und Po sich wölben, reicht der Slip nicht hoch genug. Bodys und Badeanzüge hängen auf Halbmast, wenn die Trägerin mehr als einssiebzig Körpergröße misst. Im Fachhandel finden sich vorne die kleinen sexy Sachen und weit hinten die großen in Weiß, Beige, Schwarz. Stefanie Schneider, 34, erkannte die Lücke: Dessous für die Problemfigur. Reichlich Fülle rettet nur die Konstruktion. Nehmen wir den Büstenhalter: In die Wölbung hinein näht sie „was Festes“, tüllähnliche Charmeuse. Das gibt Halt. Außen drauf kommen die besonders feinen Sachen: weiche Spitze, bunte Litze, Schleifchen, Perlen. Sie schwört auf einen festen und doch weichen Abschluss untenrum, breite, manchmal diagonal laufende Träger, schlau gesetzte Nähte, Bügel, deren Halbrund groß genug ist, üppige Oberweiten sanft ruhen zu lassen und auf Abstand voneinander zu halten, Cups, die die Fülle vorne abflachen. „Sonst hat man ja“, sagt Stefanie Schneider und hält die gerundeten Hände etwa einen halben Meter vor die Brust „solche Hupen!“

Bis zu zehn Maße nimmt sie für ein Höschen, etwa 14 für einen BH. Das ist aufwendig, das ist nicht billig. Die Kundin zahlt einmalig 120 Euro für Beratung, Messen, Entwurf und Schnitt. Die Fertigung des Modells inklusive Material und Anprobe kostet maximal 100 Euro, jedes weitere Modell ebenso, denn der Schnitt, einmal gemacht, kann in Details immer wieder abgewandelt werden. So entstehen im Köpenicker Atelier an drei verschiedenen Nähmaschinen BHs mit passenden Höschen, Bodys und Bademode in Fantasie anregenden Maßen, gefertigt von einer jungen Mutter, Kleidergröße 36/38, Körbchengröße 75A. Sie lernte das Handwerk im Musteratelier von „20 guten, alten Schneiderinnen“, studierte Bekleidungsgestaltung an der FHTW. Für ihre Diplomarbeit „Sparkling Beauty – Bondgirls schwimmen“ baute sie Bikinis mit Leuchtdioden.

Nun macht sie halterlose Damen glücklich. „Schön, wenn es am Ende jemanden gibt, der sich über meine Sachen freut“, sagt sie. Da warten gerade zwei: Die Mutter bekommt von der Tochter einen Badeanzug nach Maß geschenkt. „Man sieht’s nicht so, aber ich hab’ dolle Probleme“, sagt die Mutter. Das findet Stefanie Schneider allenfalls in Bezug auf deren Body. Sie deutet auf die Cups, sagt: „Zu klein. 90 Prozent der Frauen tragen die falsche Körbchengröße.“ Dann setzt sie lächelnd das Maßband an.


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Martina Simon. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich
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Joachim Semrau. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich
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Diane Pophal (links) und Rita Motz. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

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