Stadtleben : Neubeginn mit 84

Als Kind wurde Ursula Mamlok aus Berlin vertrieben. Nun kehrt die Komponistin aus New York zurück

Christoph Stollowsky

Ihr Leben hat wieder Tempo bekommen, seit sie sich entschloss, in die Stadt ihrer Kindheit zurückzukehren. Das war im vorigen Sommer. Eigentlich hatte Ursula Mamlok ihre Wohnung in der 22. Etage in Manhattan nur verlassen, weil sie Freunde in Berlin einige Tage besuchen wollte. Aber dann stellte sie fest: „Hier ist ja enorm viel los, mehr als in New York.“ Der Aufbruch und Wandel in der wiedergewonnenen deutschen Hauptstadt begeisterten sie so sehr, dass sie aus dem Stand entschied: „Ich ziehe an die Spree.“

65 Jahre hat sie in den USA gelebt, davon 40 Jahre in Manhattan. Doch nun ist die 1,54 Meter kleine, quirlige Frau hier angekommen mit ihrem schwarzpolierten Bechstein-Klavier und mehreren Kisten voller Musikstücke, die sie seit ihrer Kindheit selbst geschrieben hat. Am Fenster ihrer Wohnung im sechsten Stock der Tertianum-Seniorenresidenz an der Passauer Straße schaut sie den Wolken hinterher, die über die West-City zum Mercedes-Stern auf dem Europacenter treiben. Sie ist so gespannt auf ihren neuen Lebensabschnitt wie das Mädchen im Grips-Musical „Linie 1“, das frühmorgens am Bahnhof Zoo ankommt.

Für die 84-jährige Ursula Mamlok ist es allerdings nicht das erste große Abenteuer: Mit 16 Jahren floh sie aus Berlin vor den Nazis nach Südamerika, mit 17 lebte sie schon alleine in New York, seit Jahrzehnten ist sie in den USA eine prominente Komponistin für Zwölftonmusik, deren Werke in der Carnegie Hall aufgeführt wurden. „Doch jetzt“, sagt sie, „ist Berlin für meine berufliche Zukunft interessant.“ Kaum angekommen, hat sie sich erst einmal neu eingerichtet mit Möbeln in mediterranen Farben und gleich den Laptop aufgeklappt. Ursula Mamlok streicht eine Haarsträhne aus der Stirn. „Ich bin immer fürs Neue.“

Dann öffnet sie ein abgegriffenes Büchlein. „Ursulas Tagebuch“ steht auf dem Deckblatt. Eintrag vom 2. August 1937: „Wir konnten es vor Hitze und Erwartung kaum aushalten.“ Erstmals verbrachte die damals14-jährige Tochter einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie zwei Ferienwochen ohne die Eltern am Scharmützelsee. Damals hieß sie Ursula Meyer, war in der Charlottenburger Schillerstraße 13 zu Hause und besuchte das Gymnasium an der Sybelstraße, die heutige Sophie-Charlotte-Oberschule. Beide Gebäude überstanden den Krieg. Ursula Mamlok hat sie nach ihrem Umzug besucht und Rückschau gehalten auf ihre ersten unbeschwerten Mädchenjahre.

Zu dieser Zeit galt sie schon als musikalisches Wunderkind. Als Dreijährige spielte sie erstmals Piano, mit vier hörte sie Mozarts „Kleine Nachtmusik“ und fühlte sich von einem Zauberstab berührt. „Ich wusste, das ist meine Musik.“ Mit neun dachte sie sich erste eigene Melodien aus. Nun komponierte sie immer öfter, nannte ihre Stücke „Wüstenritt“ oder „Wasserspiele“ und genoss die reiche Musikwelt Berlins. „Ich ging am liebsten in klassische Konzerte – so lange es ging.“

Doch 1938 brach ihre Welt zusammen. Als Jüdin wurde die 15-Jährige aus dem Gymnasium geworfen, die Familie schmiedete Fluchtpläne: Am 11. Februar 1939 ging Ursula Mamlok mit ihren Eltern an Bord des Hapag-Dampfers „Cordillera“. Ab Hamburg fuhren sie in die Freiheit. Einen Koffer füllten Ursulas Kompositionen, im Frachtraum stand ihr Klavier.

Reiseziel war die ecuadorianische Hafenstadt Guayaquil, kein zukunftsverheißendes Pflaster für ein Mädchen, das Komponistin werden will. „Zu heiß, zu wenig Kultur“, erinnert sie sich, „ich wollte schnell weg.“ Am besten nach New York. Dorthin hatte sie gleich nach ihrer Ankunft alle selbstkomponierten Melodien geschickt, um sich an einem Musik-College zu bewerben. Ein halbes Jahr später erhielt die junge Deutsche ein Stipendium am Mannes College of Music – und ihre Eltern schickten sie im August 1940 alleine per Schiff und mit der Aussicht los: „In Manhattan steht ein Mann am Kai, der deinem Opa ähnelt.“ Den sollte sie fragen: „Are you Uncle Morris?“

Morris war da und bot ihr ein Zuhause. Aber die Tante hasste klassische Musik, deshalb zog die Nichte bald wieder aus. Sie mietete ein möbliertes Zimmer in der Bronx , jobbte als Pianospielerin und kam als Studentin der Kompositionslehre ebenso rasch voran wie in der Liebe: Mit 24 Jahren lernte sie in San Francisco Dieter Mamlok kennen. Gleiches Alter, ähnliches Flüchtlingsschicksal. Drei Monate später heirateten die beiden. Der junge Geschäftsmann blieb bis zu seinem Tod vor zwei Jahren mit ihr zusammen.

Seine junge Frau machte als Komponistin Karriere. Erst schrieb sie eher tonale Musik, dann interessierte sie sich vor vierzig Jahren für die atonale Musik Arnold Schönbergs und entwickelte aus dem Studium der Zwölftonmusik ihren ganz persönlichen Stil. „When summer sang“ heißt eine ihrer Kompositionen auf CD. Die Klänge stürmen wie ein Gewitter durch die Wohnung, dann plätschern sie leise wie sanfter Regen, während ihre Schöpferin kerzengerade im Sessel jedem Ton hinterherlauscht. „Musik ist meine Sprache“, sagt sie. Niemals will sie aufhören, Musik zu erfinden.

Vor einigen Tagen kam die letzte große Kiste an mit Ursula Mamloks frühesten Kindheitswerken. Auch der „Wüstenritt“ ist dabei.

Zur musikalischen Begegnung mit Ursula Mamlok lädt das „Forum Tertianum“am 12. Mai, 19 Uhr, in die Passauer Straße 5-7 ein. Das „modern art ensemble“ spielt eine Werkauswahl, sie plaudert aus ihrem Leben. Reservierungstelefon: 21992100.

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