Neue Leitlinien : Kutschfahrten ohne Pferdefuß

Der Senat hat Leitlinien für Fuhrwerke erlassen, um den Tierschutz und die Verkehrssicherheit von Gespannen zu verbessern. Der Zusammenbruch eines Pferdes am Pariser Platz rührte letztes Jahr die Herzen der Beobachter und erboste Tierschützer.

Christian van Lessen
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Ohne Wasser keine Kutschfahrt. Regelmäßige Verpflegung ist jetzt auch Pflicht. Kutscher Per Borgen bei der Tränke von Winnie und...

Per Borgen lässt sich von Leitlinien nicht aus der Ruhe bringen. „Das Problem sind die schwarzen Schafe“, sagt der Norweger. Er war einer der Ersten, die vor gut vier Jahren Kutschfahrten in Berlin populär gemacht haben. Am Dienstagmittag steht er auf dem Pariser Platz als Erster in einer Reihe von Gespannen, die auf Kundschaft warten. Josie und Winnie heißen seine Norweger-Pferde, 17 und 21 Jahre alt, denen er gerade zu saufen gibt. Borgen kennt noch nicht die Leitlinien für Pferdekutschen, die der Senat Dienstag mit sofortiger Wirkung erlassen hat. „Da hätte man mit uns vorher reden müssen“, sagt er. Für ihn wird sich vermutlich nicht viel ändern. „Meinen Pferden geht’s gut, Tierschutz wird eingehalten.“

Konkurrenten brachten die Branche ins Gerede. Der Zusammenbruch eines Pferdes am Pariser Platz rührte letztes Jahr die Herzen der Beobachter und erboste Tierschützer. Da wurde von Gespannen berichtet, die täglich von Mariendorf bis in die City und zurück unterwegs waren. Einmal gingen Pferde durch, der Kutscher verlor die Kontrolle. Die Leitlinien, „auf die Verhältnisse der Großstadt zugeschnitten“, sollen nun den Schutz der Tiere und die Verkehrssicherheit der Fuhrwerke verbessern, sagt Katrin Lompscher (Linke), Senatorin für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz. Die Richtlinien wurden von einer Arbeitsgruppe aus Tierärzten der Veterinär- und Lebensmittelaufsichtsämter und von der Senatsbehörde formuliert. Sie verlangen vom Kutscher Sachkunde, eine gültige Fahrerlaubnis und setzen die technische Sicherheitsüberprüfung der Fuhrwerke voraus. Die Betriebe werden in den nächsten Tagen über die Leitlinien informiert, so dass noch eine kurze Übergangs- und Schonfrist gilt.

Nach den Leitlinien dürfen nur gesunde, gut genährte und gepflegte Pferde ab einem Alter von fünf Jahren eingesetzt werden. Ihr Gewicht und ihre Leistungsfähigkeit müssen „in einer vernünftigen Relation“ zum Gesamtgewicht der Kutsche stehen. Die Geschirre sollen technisch einwandfrei sein, jedes Pferd muss einen rutschfesten Hufbeschlag haben. Die Einsatzzeit (mit Anspannen, An- und Abfahrt) darf neun Stunden nicht überschreiten. Während des Einsatzes sind mindestens zwei ununterbrochene Pausen von jeweils mindestens einer halben Stunde einzurichten. Erreicht die Temperatur ab 10 Uhr beständigeWerte von 30 Grad im Schatten, ist spätestens alle zwei Stunden ein Pause von mindestens einer halben Stunden einzulegen – unter einem überdachten Stand oder Schattenplatz, an dem Wasser zur Verfügung stehen muss. Futter und Tränkeimer gehören zur Ausstattung jeder Fahrt. Die Kutscher müssten mindestens 18 Jahre alt sein, ihre Fähigkeit durch ein Fahrabzeichen und eine Fahrererlaubnis für ein vierrädriges Kraftfahrzeugs vorweisen. Sie müssen ein Fahrtenbuch führen. An jedem Fuhrwerk muss ein sichtbares Schild den Namen und die Telefonnummer des Betriebs und die Nummer des Pferdefuhrwerks enthalten. Eine technische Prüfstelle für den Kraftfahrzeugverkehr muss die Fuhrwerke vor dem Einsatz kontrollieren. Insgesamt gibt es 15 Betriebe mit mehr als 100 Pferden. Die Senatsbehörde ist sicher, dass sie mit Stichprobenkontrollen auf die Einhaltung der Leitlinien achten kann. „Die Ämter kennen die Schwachpunkte.“ Per Borgen glaubt, dass so mancher Konkurrent jetzt in Schwierigkeiten kommt.

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