Stadtleben : Neuer Fischzug

Die zweite Karriere: Ex-Zoo-Direktor Jürgen Lange baut Aquarien in aller Welt

Heidemarie Mazuhn

Im Zoo-Aquarium kreischen an diesem Vormittag kleine Besucher entzückt über die gepunkteten Wurzelmundquallen. Elegant schweben sie in ihrem riesigen Zylinderbecken auf und ab. Mal öffnen sie sich und zeigen ihre exotische Schönheit, dann schließen sie sich wieder – ein ästhetischer Genuss sind diese kleinen Wunderwerke der Natur.

Quallen und Haie nennt der ehemalige Zoo-Direktor und jahrzehntelange Chef im Aquarium auch heute noch, fragt man Jürgen Lange nach den Tieren, die ihn am meisten faszinieren. Dabei müssten es eigentlich Antilopen sein. Ihr widmete der gebürtige Dessauer nach Biologie und Humanmedizin seine Promotionsstudien, die ihm doppeltes Glück brachten, lernte er im Londoner Studentenwohnheim doch die malaysische Medizinstudentin Paramjit kennen, seit 1977 seine „bessere Hälfte“.

Am 23. November geht er mit ihr auf große Fahrt – in die Antarktis. Der dreiwöchige Trip per Flugzeug und Schiff von Buenos Aires über Südargentinien, die Falklandinseln bis zur antarktischen Halbinsel ist aber nur für Langes Ehefrau ein ungeteiltes Vergnügen. Für Jürgen Lange bedeutet er auch Arbeit – als Reiseleiter wird er den Mitreisenden erklären, was ihnen unterwegs begegnet: allein sechs Pinguinarten, auch Robben, See-Elefanten, Seeleoparden und Wale. Auf die Falklandinseln freut er sich besonders – dort ist jetzt Sommer und alles gelb vom Ginster.

Der Reiseleiterjob ist nicht der einzige, den Lange seit 1. Februar übernommen hat. Der promovierte Biologe, der es immer als Glück bezeichnete, dass er sein Hobby zum Beruf machen konnte, ist gut im Geschäft. Zu seinem 65. Geburtstag am 31. Januar hatte er die Verantwortung für die „Viecher“ im Zoo und Aquarium zwar an Bernhard Blaszkiewitz übergeben, richtig in den Ruhestand ging er aber nicht.

Im Gegenteil. Bis Oktober 2008 ist er ausgebucht – vom befürchteten Rentnerdasein keine Spur. „Vorm Fernseher sitze ich heute weniger als früher, als ich mich gern mal abgelenkt habe“, sagt Lange.

In den achtziger und neunziger Jahren hatte er sich mit dem heutigen Aquariumschef Rainer Kaiser nebenbei als Bauberater für Großaquarien einen Ruf gemacht. Als Zoochef hatte er dazu ab 2002 keine Zeit mehr. Nach so langer Zeit nicht wieder als Berater einsteigen zu können, befürchtete Jürgen Lange umsonst. Es lief gleich ganz rasant an: Da war der Umzug aus der Dienstwohnung über dem Haifischbecken zum Kaiserdamm zu bewältigen, der Zoo-Geschäftsbericht für 2006 und der neue Zoo-Führer auf Englisch fertigzustellen und gleichzeitig eine erste Bauberatung mit einem Berliner Architektenbüro für einen Teilzoo in Korea. Der zweite Auftrag für den Aquarienfachmann, dessen Fantasie Berlin auch das riesige „Domaquarée“-Becken verdankt, ließ nicht auf sich warten: Ein US-Team will nun mit Langes Beratung in Ägypten ein Aquarium bauen.

Der Antarktistrip als Reiseleiter ist da sozusagen eine Verschnaufpause. 2008 findet in Schanghai ein weltweiter Aquarienkongress statt – als Präsident der europäischen Aquarienkuratoren muss der „Rentner“ Lange ihn mitorganisieren. Auf die Besichtigungstour von Hongkong über Taiwan und Japan nach Schanghai freut er sich schon, auch auf das Lehrbuch für Tierpfleger, an dem er „nebenbei“ mit einem Leipziger Kollegen arbeitet. Pfunde hat der Ex-Zoochef seit seinem 65. auch verloren – nicht aus Stress, sondern: „Weil ich den nicht mehr habe.“ Heidemarie Mazuhn

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