Neuerscheinung : Menschen, Massen, Zeitungsleser

Eine Kulturstudie zum Berlin um 1900 - Peter Fritzsche, Professor an der Universität Illinois, auf Spurensuche in der Zeit, "Als Berlin zur Weltstadt wurde".

Margit Lesemann

Berlin„Die Straße ist mir lieber wie das Theater“, schrieb Robert Walser, nachdem er 1906 aus Bern nach Berlin gekommen war. „Der einfache holzböckische Zeitungsartikel ist erhebender wie der gut komponierte Roman.“ Berlin wurde um die Jahrhundertwende immer turbulenter, da war nicht nur für Walser der Stil einer Zeitung dem Rhythmus der Stadt angemessener als gemächliches Erzählen. Die Stadt erlebte gewaltige Veränderungen, die Bevölkerung verdoppelte sich in kurzer Zeit auf fast vier Millionen Einwohner. Auch die Texte über die Stadt schwollen rasant an. Morgen-, Mittag-, Nacht- und Extraausgaben der Zeitungen wurden zu unentbehrlichen Führern durch den Menschentrubel, zum Handbuch für die verwirrenden Regeln der Metropole.

Seit vielen Jahren schreibt Peter Fritzsche, Geschichtsprofessor an der Universität von Illinois, über die deutsche Sozial- und Kulturgeschichte. In den Berliner Zeitungsarchiven hat er sich nun auf Spurensuche begeben und eine Stadt aus Worten ans Licht geholt. „Reading Berlin 1900“ lautet der Titel der US-Originalausgabe. Fritzsche konzentriert sich auf den Zeitraum von 1900 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, als die Verlage Ullstein, Mosse und Scherl Berlin zu einer Pressestadt machten. „Als Berlin zur Weltstadt wurde“ erzählt vom Alltag in der großen Stadt und wie die Medien das, was man und wie man es sah, formten.

Die Berliner lasen und lasen

Berlin hatte die höchste Zeitungsdichte aller europäischen Städte, und alle Blätter konnten existieren, denn die Berliner lasen und lasen. Auch wer eine Morgenzeitung abonniert hatte, kaufte sich unterwegs am Kiosk oder bei einem der zahlreichen Zeitungsverkäufer eine aktuelle Ausgabe am Mittag oder am Abend. Nichts versinnbildlicht wohl den nervösen Rhythmus der Großstadt so sehr wie die Rotationsmaschinen, die in rasender Geschwindigkeit große Mengen an Zeitungen ausspucken.

Fritzsche zeigt, wie die Medien die Stadt inszenierten und denkt auch an die Kritiker, die die Zeitungen als Handlanger der geistigen Verarmung verdammten. Doch ob die Leser Neuigkeiten durchstöberten oder Anzeigen, die Wirtschaftsspalten lasen oder Tipps für den Sonntagsausflug suchten, eines blieb gleich: Sie begegneten einer Stadt, die sich beständig erneuerte.


— Peter Fritzsche: Als Berlin zur Weltstadt wurde. Presse, Leser und die Inszenierung des Lebens. Aus dem Amerikanischen von Christian Werner. Osburg Verlag, Berlin. 368 Seiten, 18 Abbildungen, 19,95 Euro.

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