Neues Getränk : Pack die Taiga in die Flasche

Kreuzbergs neue Kräuterbrause heißt Wostok. Das Rezept stammt aus Sowjetzeiten – und sagt nicht jedem auf Anhieb zu

G,a Bartels
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Nasdarowje! In den Kellergewölben am Tempelhofer Berg, wo jetzt Joris van Velzen seine Limo nach russischem Rezept lagert, hielt...

Ulkig, die Nase funkt Latschenkiefernfußbad und Saunaaufguss ans Großhirn, der Gaumen meldet parallel Zitronensäure, Zucker und Eukalyptusöl. Wostok trinken irritiert erstmal. Außerdem sei die Limonade mit wenig Kohlensäure eine Zeitbombe, warnt Joris van Velzen, 40, grinsend, „beim Rülpsen kommt die Fichte vor“. Nach einem Fläschchen ist meist klar, ob es Hass oder Liebe wird. Die Reaktionen auf Wostok reichen von „Spülwasser, igitt“ bis zu „würzig, lecker“.

„Fichtig“, findet van Velzen selbst sein Getränk mit der Geschmacksrichtung „Tannenwald“. Ende Mai hat der gebürtige Holländer Kreuzbergs neue Kräuterbrause auf den Markt gebracht. Mit Erfolg. 15 000 Flaschen verkauft er im Monat, nur durch Mundpropaganda. Inzwischen gibt es Wostok schon in 170 Berliner Kneipen, Cafés und Spätkaufs.

Wie bei all den anderen Szenegetränken nach Bionade – also Club Mate, Zisch, Aloha, Beo, Sutherlandia oder den Berliner Guarana-Energydrink Skull, um nur ein paar Marken des Brausebooms zu nennen – wird Wostok meist in den Ausgehbezirken Friedrichhain und Kreuzberg bestellt. Und dort fängt in van Velzens Flaschenlager in den alten Schultheiss-Kellern am Tempelhofer Berg jetzt der weite, weite Osten an. Wostok heißt auf Russisch Osten. Und immer wenn van Velzens Telefon rappelt, ist Moskau dran. Eigentlich ist der Limofabrikant Werbefotograf, mit einem Studio in Kreuzberg und einem in Moskau. 19 Jahre hat er in Russland gelebt und die letzten Tage der Sowjetunion als Pressefotograf dokumentiert. Dabei musste er natürlich auch was trinken und verfiel dem eigentümlichen Tannenaroma der Kräuterbrause „Baikal“. Die hat die inzwischen 70-jährige Galina Leontjewna schon 1973 am „Staatsinstitut für nichtalkoholische Getränke, Bierbraukunst und Weinbau der Akademie der Landwirtschaft der UdSSR“ gebraut. Im Auftrag der KPdSU und erklärtermaßen als russische Antwort auf Pepsi-Cola. Mit Taigawurzel, Fichtennadelöl, Johanniskraut, Eukalyptusöl, Kardamom, Wasser und Zucker.

Und als bei Joris van Velzen, der nach dem Hinscheiden der UdSSR in der neureichen Boomtown Moskau von Presse- auf Werbefotografie umstieg und 2006 moskaumüde mit Frau und Kindern nach Kreuzberg zog, im vergangenen Krisenwinter plötzlich Auftragsflaute herrschte, erinnerte er sich wieder an die Idee, seine alte Lieblingslimo Baikal neu zu produzieren. Im Westen, denn in Moskau war die Taigabrause des Ostens schon längst nicht mehr zu kriegen. Das Staatsinstitut stellte ihm Galina Leontjewnas Rezept zur Verfügung, van Velzen schmiss das in Deutschland verbotene Johanniskraut raus, ließ jede Menge Zucker weg, entwickelte den schicken Retrolook, suchte Berlin und Brandenburg vergebens nach einer Kelterei ab, fand sie in Hessen, und fertig war Wostok.

Und was hat die Brause nun mit Kreuzberg zu tun? „Na, hier ist Herz, Hirn, Hauptquartier und Lager“, grinst er und erzählt, dass er und seine Brause genau hierher ins anarchistische Kreuzberg gehören. Und nach Berlin natürlich, das eine Weltstadt sei, aber trotzdem ein Dorf, wo keiner Eile habe.

Dass Wostok nur eine von rund 80 Limonadenneuheiten ist, die dieses Jahr deutschlandweit auf den Markt kamen, hat van Velzen erst hinterher gerafft. Sein Motto sei nun mal: Erst machen, dann denken. Für eine Marktanalyse hatte der Werbeprofi weder Zeit noch Geld. Von Wostoks Zukunft ist er trotzdem so überzeugt, dass Galina Leontjewna in Moskau für ihn bereits am Rezept der nächsten Geschmacksrichtung rührt. Mit Birkensaft. Sicher aus der Tundra.

Mit Kommunismuskitsch hat Joris van Velzen aber nichts am Hut, obwohl der Look von Wostok und die spaßigen Filmchen auf der Homepage Sowjetästhetik gebrochen zitieren. „Dann hätte ich die Limo ‚Kalashnikov‘ genannt und Panzer draufgemalt“, sagt er. Was er persönlich gerade am liebsten trinkt? Der Brauseonkel zögert, lächelt und sagt: „Malzbier“.

Infos und Lokale unter

www.tannenwald.de

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