Neujahrsempfang : Die Welt steht Schlange im Schloss Bellevue

Wie der Bundespräsident beim Neujahrsempfang gute Wünsche ohne Verwicklungen entgegennimmt.

Elisabeth Binder

Der Dresscode ist genau festgelegt: Wenn Bundespräsident Horst Köhler am kommenden Donnerstag die guten Wünsche des Diplomatischen Corps bei einem Empfang im Schloss Bellevue entgegennimmt, tragen die Botschafterinnen und Botschafter Nationaltracht, Diplomatenuniform, Cutaway oder, die Frauen, kurzes Kleid. Dazu wird ihnen jedenfalls auf der Einladung geraten. Bei dem Empfang kommen natürlich auch Vertreter von Ländern zusammen, die Konflikte miteinander austragen. Besteht die Gefahr, dass Animositäten bis ins Schloss Bellevue hineingetragen werden?

Der Protokollchef im Bundespräsidialamt, Martin Löer, hat die Diplomatie gewissermaßen mit der Muttermilch aufgesogen. Sein Vater stand im Dienst des Auswärtigen Amtes, unter anderem als Botschafter in Nepal und Singapur. Martin Löer ist selbst ein Meister darin, Menschen unaufdringlich mit positiven Aussagen miteinander ins Gespräch zu bringen. Der charmante Jurist hat keine Sorge, dass es zu Verbalattacken kommen könnte, wenn sein Kollege vom Auswärtigen Amt beispielsweise den israelischen Botschafter und den Generaldelegierten der Palästinenser oder die Botschafter Russlands und Georgiens aufruft. Die Botschafter, sagt er, seien geübt darin, miteinander zu reden, und wüssten, dass man in so einer Situation Konflikte nicht nach außen trägt.

Wer hinter wem in der Schlange steht, ist durch eine alte Tradition geregelt. Es geht nicht darum, ob ein Land groß oder klein, für Deutschland wichtig oder weniger wichtig ist, sondern allein nach dem Datum der Übergabe des Beglaubigungsschreibens beim Bundespräsidenten. Diejenigen, die am längsten da sind, haben den Vortritt.

Den Anfang macht traditionell der Doyen des Diplomatischen Corps. Das ist immer der Nuntius, also der Vertreter des Heiligen Stuhls, wie der Botschafter des Vatikans offiziell heißt, zurzeit bekleidet das Amt Erzbischof Jean-Claude Périsset. Insgesamt wird es drei Gruppen geben, zuerst die Botschafter, dann die Geschäftsträger, zu denen nach dem Weggang von US-Botschafter William Timken diesmal auch der amerikanische Chargé d’Affaires, John Koenig, zählt. Die dritte Gruppe formiert sich aus den Chefs der internationalen Organisationen. Die Schlusslichter in der Botschaftergruppe werden wahrscheinlich die Botschafter sein, die erst am Freitag dem Bundespräsidenten ihr Beglaubigungsschreiben überbracht haben. Das sind die neuen Botschafter von Kamerun, Namibia, Vietnam und Singapur. Und auch unter ihnen steht die Reihenfolge fest. Hier entscheidet das Einreisedatum. Wer zuletzt in Deutschland angekommen ist, wird auch als Letzter aufgerufen, also wahrscheinlich Singapurs neuer Botschafter Jacky Foo.

Am Donnerstagnachmittag, wenn die Botschafter selbst ihre Neujahrswünsche losgeworden sind, empfängt Eva Luise Köhler im Schloss Bellevue die Partner der Diplomaten. Da ist die Reihenfolge nicht festgelegt, was es leichter macht, sich auch in der Defilee-Schlange aus dem Weg zu gehen. Die Gäste bekommen Vorstellkärtchen, auf denen ihr Name steht, und Martin Löer liest ihn vor dem Händedruck mit der Frau des Bundespräsidenten laut vor. Das ist nicht so einfach, wie es klingt, bei so vielen Sprachen. Manchmal fragt er vorher vorsichtshalber, wie ein Name ausgesprochen wird.

Von einem Eklat beim Empfang des Diplomatischen Corps kann Löer zwar nicht berichten, umgekehrt kommt es aber auch schon mal vor, dass auf Empfängen unerwartete Annäherungen stattfinden. So kamen mal der amerikanische und der kubanische Botschafter miteinander ins Gespräch oder auch die Vertreter von Nord- und Südkorea.

Der Neujahrsempfang des Bundespräsidenten ist zwar streng ritualisiert. Aber er bietet durchaus die Möglichkeit, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, die eigentlich nicht mehr miteinander reden. Im Schloss Bellevue ergibt sich so vielleicht eine Chance zum Neuanfang.

Am heutigen Dienstag empfängt der Bundespräsident erst mal die Spitzen der Gesellschaft, darunter die Bundeskanzlerin und ihr Kabinett und außerdem eine Gruppe von Bürgern, die sich um die Gesellschaft verdient gemacht haben durch großes Engagement für eine friedlichere, gerechtere und mitfühlendere Welt. Protokollchef Martin Löer stellt deren Engagement jeweils in wenigen Sätzen vor. Da verbinden sich dann die hohe Schule der Diplomatie mit der großen Kunst gelebten Mitgefühls. Elisabeth Binder

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