Nicht niedlich : Ausstellung zeigt tierische Berliner

Tabakkäfer, Bücherskorpione, Wildschweine: Das Stadtmuseum zeigt, welche Tiere mit uns leben.

Daniel Stender
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Füchse fühlen sich in Berliner Gärten und Parks offenbar wohl. -Foto: Michael Setzpfandt © Stadtmuseum Berlin

Motten im Müsli, Käfer im Brot – die Wohnung, durch die Manfred Gräfe führt, ist alles andere als appetitlich. Aber Gräfe stört das nicht. Im Gegenteil: Unerbittlich klappt der 49-Jährige eine Schranktür nach der anderen auf, zieht an jeder Schublade und weist auf das, was andere lieber unter den Teppich kehren: Mehlmilben, Brotkäfer, Stubenfliegen, Tabakkäfer, Silberfische, Speckkäfer. Ein Fall für den Kammerjäger, könnte man sagen – aber glücklicherweise ist diese Wohnung nur ein Modell, an dem Gräfe und seine Mitarbeiter vom Stadtmuseum zeigen wollen, „was jeder in der Wohnung haben kann. Ich hoffe, in dem Ausmaß hat das niemand zu Hause.“

Manfred Gräfe ist Kurator der Ausstellung „Berliner, nie allein zu Haus! (Un)heimliche Tiere in Haus und Garten“, die gerade im Stadtmuseum in Charlottenburg gezeigt wird. Im Mittelpunkt stehen all die Tiere, mit denen die Berliner zusammen leben, von der Amöbe bis zu Fuchs und Wildschwein. Letztere stehen in der Ausstellung – natürlich ausgestopft – in einem Kleingärtnerbeet und machen sich über den Feldsalat her.

Die meisten anderen Exponate sind wesentlich kleiner. Der Bücherskorpion zum Beispiel misst nur 3 Millimeter, er heißt auch bloß Skorpion, gehört in Wahrheit zu den Spinnentieren und ist eigentlich ein Nutztier: Er ernährt sich von Staubläusen, die wiederum bevorzugt den Pilzbelag verspeisen, der auf alten, etwas feuchten Büchern entsteht. Für Manfred Gräfe ist der Bücherskorpion ein Freund des Menschen: „Man kann sich freuen, wenn er da ist. Bringt ihn doch nicht um!“

Auch andere Untermieter ernähren sich von den seltsamsten Dingen. Der Wollkrautblütenkäfer zum Beispiel frisst aus Schildplatt gefertigte Brillenbügel. Ganz egal, ob die krabbelnden Mitbewohner auf den ersten Blick mehr eklig wirken oder niedlich, für Manfred Gräfe sind alle Tiere gleich. Schließlich arbeitet er auch als zoologischer Präparator am Stadtmuseum – ihm ist nur wenig Tierisches fremd. Die Bettwanzen zum Beispiel sind winzige Blutsauger, trotzdem ist ihnen Manfred Gräfe wohlgesonnen: „Anfangs hatte ich gedacht, ich halte bei den Bettwanzen alle 14 Tage mal meinen Finger rein, und sie können etwas nuckeln, und dann haben sie wieder genug. Aber so geht das nicht.“ Denn bei Gräfes Ernährungsversuch würden die quirligen Bettwanzen sofort aus der Dose, in der sie ausgestellt sind, entweichen. Stattdessen werden die Tiere nun alle zwei Wochen ausgetauscht – „Bettwanzen im Abonnement“ nennt Gräfe das. Schließlich gilt auch für Amöben oder Bettwanzen der Tierschutzgedanke: Alle Ausstellungen mit lebenden Tieren müssen bei den Veterinär- und Lebensmittelbehörden angemeldet werden, und die Amtstierärzte schauen sich regelmäßig an, wie die Tiere untergebracht sind. „Da legen wir Wert drauf“, sagt Gräfe.

Auch Mäuse und Ratten zeigt das Stadtmuseum – und zwar lebende. Zwischen drei und 20 Millionen Ratten soll es in Berlin geben, ganz genau weiß das niemand, erklärt Manfred Gräfe: „Man kann da keine Volkszählung machen“, sagt er. Schließlich seien Ratten seit einigen Jahren nicht mehr meldepflichtig, viele Menschen halten sie sich sogar als Haustier. Früher, sagt Gräfe, da habe er selbst auch einmal eine Ratte gehabt. Der Präparator als Punker? „Nein, nein“, wehrt Gräfe ab: „Ratten sind einfach faszinierende, sehr intelligente Haustiere.“ Daniel Stender

Die Ausstellung ist bis zum 31. Januar im Stadtmuseum in Charlottenburg, Schloßstraße 69a, zu sehen. Der Eintritt ist kostenlos. Weitere Informationen unter Telefon 24002162 oder im Internet unter www.stadtmuseum.de.

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