NS-Zeit : Als Gerichte Unrecht sprachen

Eine Ausstellung über die Opfer der NS-Wehrmachtsjustiz.

Berlin Keine Bestuhlung, keine Kirchenbank, nur Stelltafeln und Bildschirme. Die St. Johannes-Evangelist-Kirche in der Auguststraße 90 in Mitte ist bis zum 1. August ein Ort der Aufklärung und des Gedenkens. „Was damals Recht war …“ nennt sich eine Ausstellung über „Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht“. Die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas erfüllt mit dieser so eindrucksvoll wie einfühlsam gestalteten Darstellung eines dunklen Kapitels jüngster deutscher Geschichte ihren Auftrag, „zu einem würdigen Gedenken an alle Opfer des Nationalsozialismus beizutragen“, wie Uwe Neumärker, der Geschäftsführer der Stiftung, sagt. Zwei Jahre wurde geforscht und recherchiert, bis Dagmar von Wilcken genügend aussagekräftiges Material hatte, um – ähnlich ihrer Gestaltung des Ortes der Information unter dem Holocaust-Mahnmal – Menschenschicksale von damals zu uns Heutigen sprechen zu lassen. Der Besucher sollte sich Zeit nehmen, denn er muss viel lesen, um zu verstehen, und er wird sich seine Gedanken machen über das unterschiedliche Verständnis von Begriffen wie Tapferkeit, Pflichterfüllung, Treue, Gehorsam und Vaterland.

Fotos und Dokumente zeichnen die Lebenswege von Menschen nach, die vor den Schranken der Wehrmachtjustiz in Nazi-Deutschland standen. Von 1939 bis 1945 wurden etwa 30 000 Soldaten und Zivilisten wegen Fahnenflucht und anderer Delikte zum Tode verurteilt, 20 000 hingerichtet. Die Überlebenden blieben nach dem Krieg oft als Feiglinge und Deserteure weiter geächtet, während ihre Richter in neuen Positionen saßen. Auch dafür gibt es in der Ausstellung Beispiele. „Die meisten Urteile der Wehrmachtsgerichte waren Unrecht“, betonte gestern Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) bei der Eröffnungsfeier. Erst 2002 wurden die Verurteilten durch einen Bundestagsbeschluss rehabilitiert. Der 85-jährige Ludwig Baumann, Vorsitzender der Vereinigung der Opfer der NS-Militärjustiz, findet Genugtuung über die Aussage dieser Ausstellung: „Nie wieder!“

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