Oper : Liebestest im E-Werk

Christoph Hagel hat sich darauf spezialisiert, Oper an ungewöhnlichen Orten aufzuführen. Jetzt inszeniert er "Così fan tutte"

Udo Badelt
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Im Bett mit Mozart. Leon (Christian von Oldenburg) muss Doro (Dorothee Schlemm), die Frau seines Freundes, erobern. Sonst entgeht...Foto: Davids

Die alten Mauern des E-Werks haben schon viel in ihrer Geschichte gesehen, aber das dürfte selbst ihnen neu sein: Zwei Liebhaber täuschen vor, durch Gift ohnmächtig geworden zu sein, und werden von ihren Frauen wiedererweckt – durch Einsatz von Penispumpen. Mozart und seinem Librettisten da Ponte hätte das wahrscheinlich sogar gefallen. Aufgeblasen ist diese Inszenierung der Oper „Così fan tutte“ aber trotzdem nicht, im Gegenteil. Die Idee von Regisseur Christoph Hagel, der mit Opernaufführungen an ungewöhnlichen Orten in den letzten Jahren ein Alleinstellungsmerkmal erlangt hat, ist ziemlich stimmig. Die Geschichte von Ferrando und Guglielmo, die die Treue ihre Frauen Dorabella und Fiordiligi testen wollen, indem sie vorgeben, in den Krieg zu ziehen, und dann als verkleidete Fremdlinge zurückkehren – diese Geschichte wird hier erzählt als Hochzeitsshow und übertragen im „Unterschichtenfernsehen“, wie Harald Schmidt das nennen würde. Entsprechend heißen die Frauen Doro und Mandy, die Männer Kevin und Leon. Inszeniert wird das Ganze mit den Berliner Symphonikern in der immer noch beeindruckend rohen Architektur des E-Werks, in dem vor über 120 Jahren erstmals starke Elektrizitätsströme erzeugt wurden und in dem nach dem Mauerfall ganz andere Energieströme die Körper der Technotänzer durchpeitschten.

1997 war Hagel schon einmal hier, der „Don Giovanni im E-Werk“ war sein erster großer Erfolg, der Urknall für Produktionen wie „Die Zauberflöte in der U-Bahn“ oder „Orpheus und Eurydike im Bode-Museum“. Wie lange denkt er, dass er noch Aufsehen erregen kann mit dem Verfremdungseffekt von Orten, die ursprünglich nicht als Bühne erbaut worden waren? Hat er keine Angst, dass sich das irgendwann totläuft? „Ja, schon“, sagt er, „aber im Moment finde ich das für mich sehr richtig. Es ist ein Tick. Aber den hat doch die ganze Stadt. In Berlin funktionieren solche Inszenierungen in ganz besonderer Weise, denn hier gibt es ein Publikum, dem es Freude macht, Dinge zu entdecken.“ Ganz aufgehen würde das natürlich nie, meint er, es bleibe immer ein Rest, aber: „Der Mehrwert, der darin besteht, Oper in die Stadt zu tragen, ist es wert.“ Muss man Mozart noch in die Stadt tragen? „Mozart ist für die Ewigkeit, aber trotzdem muss man ihn immer wieder untersuchen, befragen. Wir tun das auf populäre Weise.“ Es ist inzwischen Hagels vierte Mozart-Oper, und er kann sich gut vorstellen, auch die übrigen noch zu inszenieren. Trotzdem haben auch andere Werke Platz in seinem Kopf, er erwähnt „Fidelio“ in einem Nebensatz, und vage stellt er die Möglichkeit in Aussicht, an einem festen Haus als Regisseur zu arbeiten. Im Moment findet er aber seine Erfüllung im Vagabundieren und darin, die vielen Leerstellen Berlins mit Bedeutung aufzuladen.

Dass er ins E-Werk zurückgekehrt ist, hat weniger mit dem Gebäude an sich zu tun als mit der Umgebung: In Mitte würde sich genau jene Welt des schönen Medienscheins manifestieren, die Hochzeitsshows hervorbringt wie die, die er in „Così fan tutte“ zeigt. Junge Sänger hat er sich dafür geholt: Kai-Ingo Rudolph (Kevin/Ferrando) studiert an der Universität der Künste, Christian von Oldenburg (Leon/Guglielmo) hat kürzlich sein Studium an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ beendet. Ein erfahrener Hase aber ist auch dabei: Alfred Biolek spielt den Moderator der Show, ein bisschen also auch sich selbst, obwohl er das bestreitet: „Ich bin doch nicht der Nachfolger von Linda de Mol. Meine Zeit war früher!“ In einer Oper habe er noch nie mitgespielt, erzählt er, obwohl er in den fünfziger Jahren oft Inszenierungen Wieland Wagners an der Stuttgarter Staatsoper gesehen hat, die damals als „Winterbayreuth“ galt, und häufig das Theater an der Wien besucht hat, als die Staatsoper nebenan noch kriegszerstört war. Was Hagel jetzt macht, findet er recht gut, es gehe aber sehr weit für seine Begriffe. Wusste er, worauf er sich einließ? „Ich wusste es nicht, aber ich ahnte es.“

Previews 15.–17.11., Premiere am 18.11, Vorstellungen bis 20.12., jeweils 20 Uhr, im E-Werk, Zimmerstraße 92/94

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