Pariser Platz : Volksfest in früherem Niemandsland

An diesem Sonntag lädt Bernard de Montferrand, der oberste Repräsentant Frankreichs in Berlin zum Volksfest auf den Pariser Platz. Im Tagesspiegel erzählt er von den Eigenarten Berlins, dem deutsch-französischen Austausch und dem Genuss am "einfachen Leben".

Elisabeth Binder
Bernard de Montferrand
Seit neun Monaten Botschafter von Frankreich in Deutschland: Bernard de Montferrand. -Foto: Thilo Rückeis

Wenn Bernard de Montferrand von seinem Schreibtisch hoch blickt, fällt sein Blick durch eine große Glasscheibe auf den Pariser Platz. Das berührt den französischen Botschafter immer wieder von Neuem. „Ich habe diesen Platz kennengelernt als Niemandsland. Heute an diesem historischen Platz zu sitzen, gibt mir ein Gefühl von Lebendigkeit und Optimismus.“ Seit neun Monaten ist der 62-Jährige zurück in der Stadt, die auch Schauplatz seines allerersten Postens im Ausland war. Von 1979 bis ’82 lebte der studierte Rechtswissenschaftler schon mal hier, arbeitete in der französischen Militärregierung.

Damals wie heute wird auch in Berlin der französische Nationalfeiertag begangen. Der ist eigentlich am 14. Juli, aber schon am heutigen Sonntag findet auf dem Pariser Platz ein „Bal Populaire“ statt, ein Volksfest, das in diesem Jahr besondere Bedeutung hat. Am 1. Juli hat Frankreich die EU-Ratspräsidentschaft übernommen. Und verbindet damit ehrgeizige Ziele. Die Menschen sollen Europa verstehen. „Sie sollen wissen, dass Europa ganz konkrete Probleme lösen kann. Wir haben die Pflicht, der Bevölkerung zu zeigen, dass wir konkrete Aufgaben bewältigen.“

Die Prioritäten des Botschafters liegen an der Basis, dort, wo Menschen zusammenkommen. Da erklärt sich Europa gewissermaßen selbst. Immer wieder geht er in Vorträgen in Think Tanks und Institutionen auf die konkreten Aufgaben ein, die Themen Energie, Klima, Zuwanderung, gemeinsame Agrarpolitik, Sicherheit in der Welt, Arbeit. Europäische Politik muss transparenter werden, um nachvollziehbar werden zu können. Sicher, ein Fest wie heute auf dem Pariser Platz ist auch für den Botschafter eine schöne Gelegenheit, zusammen ein Glas Wein oder Bier zu trinken, einen vergnügten Tag miteinander zu verbringen. Vielleicht ist es aber auch eine Gelegenheit, ein bisschen die Sprache der jeweils anderen zu üben. Bernard de Montferrand wirbt gern dafür, dass die Deutschen mehr französisch und die Franzosen mehr deutsch lernen.

Der Botschafter spricht selber fließend deutsch. Berlin sei seit seinem ersten Aufenthalt hier zwar eine andere Stadt geworden, sagt er. „Aber der Geist ist der gleiche.“ Berlin sei unkonventioneller als andere deutsche Städte. „Man hat ein großes Gefühl von Freiheit und Vielfalt, das mag ich sehr.“ Zeitgenössische Kunst ist sein Hobby, und in seiner Freizeit schlendert er am liebsten durch die Galerien in Mitte. Auch den Spazierweg an der Spree mag er, der durchs Regierungsviertel führt, außerdem den Skulpturengarten der Neuen Nationalgalerie und die besondere Atmosphäre im Brücke-Museum. Nur über seine Lieblingsrestaurants schweigt Bernard de Montferrand: „Ich will ja keine Werbung machen.“ Rund 13 000 Franzosen leben in Berlin, darunter auch viele junge Künstler. Allein 2200 Städtepartnerschaften gibt es zwischen beiden Ländern, diese Zahl wiederholt der Botschafter mehrfach, denn die symbolisiert den regen Austausch an der Basis. Seit 1963 haben sieben Millionen junge Leute an einem Austauschprogramm des deutsch- französischen Jugendwerks teilgenommen. Das ist das gelebte Europa, das ohne komplizierte Regelwerke klarkommt.

Auch in den Ferien mag der Botschafter die wesentlichen Dinge. Wie für die meisten Franzosen fallen sie für ihn in den Monat August. Dann kommen sie alle in das Familienhaus in die Dordogne. „Wenn man lebt wie die Beduinen, braucht man irgendwo ein Zuhause.“ Ein Sohn kommt aus Peking, der andere Sohn und die Tochter kommen aus Paris. Man isst und trinkt und trifft sich mit Freunden: „Wir genießen das einfache Leben.“

An den Wurzeln sind sich die Europäer schon lange erkennbar ähnlich. Der Vorsatz, die Nebel auch in der hohen Brüssler Politik zu lichten, wäre allein schon ein Volksfest wert. Der französische Nationalfeiertag am 14. Juli ist also nicht nur ein guter Anlass, sondern auch das Sahnehäubchen für die große Fete. Elisabeth Binder

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