PARTY Gänger : Clärchens Ballhaus

Johanna Lühr

Tom Cruise muss entzückt gewesen sein. War er doch für seinen Film auf der Suche nach vergangenen Zeiten nach Berlin gekommen. Und nachdem er sich den auch schon ein bisschen überholten Knut angeguckt hatte, fand er im „Clärchens“ dann noch mal richtig „old fashion“. Schon der Garten verzaubert einen, wenn man die Auguststraße hinunterläuft und weiß betuchte Tische unter den Bäumen stehen sieht. Wie ein altes idyllisches Lokal auf dem Lande. Dann tritt man, einmal seine Mäntel an der Garderobe abgegeben, direkt in den Saal hinein. An den holzgetäfelten Wänden hängt silberner Glitter, die Tanzfläche ist aus Parkett. Drumherum stehen lange Tafeltische und zurückgeschobene Stühle. Es ist bollerig gemütlich. Und alle tanzen, als ob es keinen Morgen gäbe.

Das Ballhaus gibt es schon ewig. 1913 eröffnete Fritz Bühler zusammen mit seiner Frau Clärchen „Bühler’s Ballhaus“. Als er starb, übernahm seine Frau und es wurde zu „Clärchens“. Es tanzten das Volk und die Offiziere und dann wieder das Volk. Bis vor zwei Jahren immer in den Händen der Clärchen-Familie. Dann wurde ihnen gekündigt und ein Junger machte weiter. Viele fürchteten, nun werde der Trend Einzug halten. Aber weit gefehlt. Bei der Eröffnungsfeier ein paar Monate später standen die Alten wieder auf der Matte. Und die Jungen ebenso. Nirgendwo gibt es eine so eigentümliche Mischung wie hier. 70-jährige Ladys in Rock und Bluse und alte Herren im Anzug, Bürokaufmänner im Freizeitlook und urbane Penner in Hugo Boss. Schräge Vögel schieben mit starrem Hals ihre Damen übers Parkett. Man sieht Hipsters, die alle Coolness vergessen und betrunkene Mädchen. Opa Günther ist mit über achtzig dienstältester Garderobiere der Stadt. Saalchef Klaus ist auch schon 76. Manchmal ist es ihm zu ruhig. Dann wünscht er sich von DJ Clärchen ein bisschen AC/DC.

„DJ Clärchen“ macht seit der Neueröffnung die Musik hier und ist mit Anfang dreißig noch ein ganz junges Ding. Unter der Woche legt sie als „Lady Stardust“ in anderen Läden auf. Aber nirgendwo geht es so ab wie im Clärchens. Um acht geht es los mit Mambo und Cha-Cha-Cha, ab zwölf gibt es Elvis und Schlager. Anfangs habe sie gedacht, sie müsse ruhiger machen. Bis die Alten zu ihr kamen und sagten: „Mach mal heftiger“. Vor sechs Uhr morgens kommt sie selten nach Hause. Dann werden die letzten Tänzer hinausgefegt. Wie es übrigens mit Tom Cruise an jenem Abend weitergegangen ist, weiß man nicht. Wahrscheinlich haben sie ihn dort nicht mal bemerkt. Nirgendwo ist es so schnuppe, wer man ist, wie in „Clärchens Ballhaus“. Johanna Lühr

Clärchens Ballhaus, Auguststraße 24, Berlin Mitte, täglich ab 10 Uhr, Freitag und Samstag Schwoof mit DJ Clärchen.

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