PARTY Gänger : KMA 36

Johanna Lühr

So eine Party kann schnell vorbei sein. Zum Beispiel, wenn einem ein Glas auf den Kopf fällt. Einer Freundin passierte das neulich: Sie stand auf der Treppe des „KMA“ und plauderte, als ein Glas von der Balustrade über ihr kippte und geradezu schicksalshaft genau ihren Kopf traf, auf dem es dann zersplitterte. Das Blut ran sehr eindrucksvoll auf ihr weißes Oberteil und erschrak alle Partygäste. Sie natürlich am meisten. Der Mann hinter der Bar holte dann rasch einen Verbandskasten, der so gut bestückt war, als ob dies nicht der erste Unfall dieser Art sei. Ja, die Treppe, sagte er, kein guter Standort, aber die sei nun mal denkmalgeschützt.

Nicht, dass man das ändern wollte. So wie man auch sonst hier rein gar nichts ändern will, denn sie ist einfach perfekt, die „Bar an der Karl-Marx-Allee 36“, kurz: „KMA 36“. Manche nennen sie auch „Glaswürfel“ oder „Kubus“ oder „den Laden neben dem Café Moskau, schräg gegenüber vom Kino International“.

Am Anfang des Abends kann man hier noch das (meist melancholische) Filmprogramm des „Kino International“ auf den Gesichtern ablesen. Später wird es wilder. Die oberen Räume werden oft für Privatpartys vermietet. Es ist hell, aber nicht grell und wirkt von außen betrachtet irgendwie metropolig. „Großstadtmenschen hinter Glas“ würde vielleicht unter einem Foto stehen. Im Unterschied zu Kellerpartys hat das Ganze etwas Offenes, fast Privates, ein bisschen so wie in dem Film „Partyschreck“mit Peter Sellers, obwohl hier vielleicht nicht ganz so viel lustige Dinge passieren.

Der Pavillon ist aus den 60er Jahren, als der letzte Abschnitt der Karl-Marx-Allee nach einer Art sozialistischem Masterplan beendet wurde. Bis 1989 war hier der Kosmetiksalon „Babette“ drin. In den kleinen Räumen oben konnte man zur Maniküre oder Pediküre gehen, unten wurden Parfüms, Cremes und Lippenstift verkauft. Die Schauspieler der DEFA, deren Gagen halb in Ost-, halb in Westmark bezahlt wurden, sollen hier oft vorbeigekommen sein, um billiges Parfüm mit nach drüben zu nehmen. In den 90er Jahren arbeiteten hier eine Zeitlang ein paar Architekten, dann stand er leer, bis vor vier Jahren die Besitzer des Clubs „Lovelight“ in Friedrichshain den Kubus für ihre Bar kriegten. Und seither läuft der Laden, anfangs langsam und langsam immer besser. Seit kurzem gibt es hier auch einen offiziellen Clubabend, den „Mickey Mouse Club“, einen Künstlerclub, von dem man noch nicht genau weiß, wieso er seinen Namen trägt und was genau dort gespielt werden wird. Aber es lohnt sich, das herauszufinden.

Übrigens: Der Freundin mit dem Glas auf dem Kopf geht es wieder gut. Zum Glück ist sie selbst Ärztin und konnte also verhindern, dass ihre Kollegen auf der Rettungsstelle ihr den Kopf rasierten. Fast wäre sie sogar noch mal zurückgekommen. Denn die Party war wirklich sehr schön. Johanna Lühr

Karl-Marx-Allee 36, täglich geöffnet ab 18:30 Uhr, nächster Mickey-Mouse-Club am 18. Oktober

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