PARTY Gänger : SO 36

Sebastian Leber D

Ob das taktisch klug ist? Da beschwert sich ein Nachbar seit Monaten über Lärmbelästigung, das Umweltamt misst zu hohe Grenzwerte, für die geforderte Schallschutzwand fehlt noch Geld und die Hausverwaltung hat gekündigt. Eigentlich alles gute Gründe für die Betreiber des SO 36, möglichst nicht weiter unangenehm aufzufallen. Doch welche Lieder sollen diesen Freitagabend ausgerechnet aus dem Club in der Oranienstraße klingen? „Sing Halleluja“, „Barbie Girl“. Höchstwahrscheinlich auch „Cotton Eye Joe“.

Nein, das ist kein Eskalationsversuch von Seiten der Clubbetreiber. Das sind bloß die üblichen Lieder, die bei Bad- Taste-Partys eben gespielt werden: Songs, die im weitesten Sinne als stil- und geschmacklos gelten, zu denen man aber herrlich feiern kann, ohne sich zu schämen. Die anderen Gäste tanzen ja auch! Inzwischen haben sich in Berlin eine ganze Reihe solcher Bad-Taste-Partys etabliert. Die im SO 36 heißt „My Ugly X“ und findet regelmäßig am letzten Freitag eines Monats statt. Genauso wichtig wie die schräge Musikauswahl sind dabei die Outfits. Auch hier gilt: je schlimmer, desto besser. Hawaiihemden, Cowboyhüte und neonblaue Perücken gelten als angemessen, ebenso Mario- Barth-Fanshirts und Ganzkörper-Hasenkostüme. Auch kleine hässliche Accessoires sind gern gesehen, zum Beispiel Frottee-Schweißbänder um Handgelenke und Stirn.

Manche Partygäste setzen sich überdimensionale Sonnenbrillen auf, die in Teilen von Mitte und Prenzlauer Berg derzeit noch ohne ironische Hintergedanken getragen werden. Nur eines braucht man ganz sicher nicht: Angst haben, es bei der Wahl der geschmacklosen Kleider zu übertreiben und dafür schräg angesehen zu werden. Der Gast im Tarnanzug mit Engelsflügeln auf dem Rücken hat die Latte beim letzten Mal sehr hoch gelegt.

Die Veranstalter werben für ihre Partyreihe als „dickste Sause seit dem Mauerfall“, und tatsächlich spielen sich bei „My Ugly X“ Szenen ab, die man bei den sonst im SO 36 stattfindenden Punk- und Rockkonzerten eher nicht sieht: zum Beispiel Polonaisen unter den Diskokugeln.

Seltsamerweise wird auf allen Bad- Taste-Partys der Stadt die gleiche Musik gespielt: Kirmestechno aus den 90ern, auch als „Eurodance“ bekannt. Songs von Dr. Alban, Twenty 4 Seven, Rednex, La Bouche und Captain Hollywood Projekt, die damals dauerhaft die Spitze der deutschen Charts blockierten. Man könnte meinen, die Künstler von einst müssten es schrecklich finden, zu welchen Gelegenheiten ihre Werke heute gespielt werden. Stimmt aber nicht. Die Tänzerinnen von Snap („Rhythm is a Dancer“) haben schon mal mitgefeiert. Sebastian Leber

Heute, Freitag, 27. November, 23 Uhr: „My Ugly X. Die Bad Taste Party“, SO 36, Oranienstr. 190, Kreuzberg. www.so36.de

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