Party trotz Arbeitskampf : Saturday Streik-Fieber

Damit Partygänger an diesem Samstagabend ausgehen können, mieten manche Clubs Busse. Einige spendieren sogar den Eintritt.

André Görke
Club
Bloß keine Tristesse am Tresen -Foto: David Heerde

Das wird ganz sicher lustig, wie einst auf fröhlicher Klassenfahrt. Aus den Boxen tönt lauter Beat, auf der Rückbank sitzen nette Partytypen, und wenn man nachts schon kostenlos im Bus zum Club gefahren wird, kann man ja auch schon auf der Fahrt anstoßen. Der Rockclub „Silver Wings“ im Flughafen Tempelhof stellt zwei Shuttlebusse, mit denen die Gäste am späten Samstagabend zum Club kutschiert werden, eher aus der Not heraus. Denn es ist Wochenende, Partyzeit, Diskonacht, nur leider hält wegen des Streiks kein BVG-Bus am Columbiadamm, und auch der U-Bahnhof Platz der Luftbrücke – Ankunftsort, Treffpunkt, beheizte Bierhalle – ist geschlossen. „Wie also sollen die Leute zur Party kommen?“, fragt Clubsprecherin Jessica Baumann. „Sollen die vom S-Bahnhof Tempelhof laufen?“ Das wären 2,3 Kilometer. In der Kälte, in der Dunkelheit. Deshalb holt der Club seine Gäste ab 21.30 Uhr vom S-Bahnhof ab.

„Der BVG-Streik ist fürs Nachtleben ganz einfach Mist“, sagt Sascha Disselkamp. Er ist Vorsitzender der „Club Commission“, in der sich rund 100 Läden zusammengetan haben. „Alle, wirklich alle werden Einbußen haben.“ Denn wer geht am Wochenende auf Partys, in Clubs? Vor allem junge Leute, „die die Taschen nicht so voll haben und genau überlegen, ob sie sich das Taxi leisten wollen“, sagt Disselkamp. Deshalb spendiert heute das „Reich & Schön“ in der Dennewitzstraße in Tiergarten, ehemals bekannt als „90 Grad“, seinen Gästen den Eintritt von zehn Euro, wenn hohe Taxikosten angefallen sind. „Beim letzten Streik hatten wir immense Verluste, am Tresen und an der Tür“, sagt Eventmanager Stephan Dau. Statt 700 Gästen kamen 250.

Ins Theater des Westens am Bahnhof Zoo kommt man locker mit der S-Bahn. Auch die Clubs am Hackeschen Markt und die Bars nahe der Warschauer Brücke sind recht einfach zu erreichen, jedenfalls so lange die S-Bahn noch fährt. Aber was ist mit Kreuzberg? Mit Schöneberg? Schon jetzt beklagen sich Anwohner, dass sie nur noch mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen. Doch wer will schon nachts mit dem Fahrrad zur Disko fahren – und morgens, nach dem Feiern, angetrunken wieder zurück? Normalerweise sitzt man in der warmen U-Bahn und lässt den schweren Wintermantel zu Hause. Die Polizei hofft, dass die Leute tief in der Nacht nach zwei Drinks zu viel nicht noch ins Auto steigen, weil sie die Taxikosten sparen wollen. Denn die sind deutlich höher als der Preis einer S-Bahn-Fahrt.

Sascha Disselkamp von der „Club Commission“ ist auch einer der Chefs des „Sage Clubs“, der sich in der Köpenicker Straße befindet – direkt über dem U-Bahnhof Heinrich-Heine-Straße. In der Nähe ist zwar der S-Bahnhof Jannowitzbrücke. Als aber die BVG vor zwei Wochen schon einmal streikte, „hatten auch wir massive Einnahmeverluste“, sagt er. „Die Leute müssen schließlich erst mal von ihrer eigenen Haustür zur nächsten S-Bahn-Station kommen.“ Ein Drittel der Gäste sei in jener Nacht weggeblieben, das sind rund 300 Leute – von denen jeder am Abend gute zehn Euro ausgegeben hätte, plus Eintrittsgeld. Da kommt Einiges zusammen.

Keine Warteschlangen an den Tresen mögen ja toll sein – halbvolle Clubs sind es nicht. Und nicht nur Clubbetreiber, auch Gäste, die eine größere Feier geplant haben, sind im Nachteil. Wer in einem Club oder einer Bar im S-Bahn-Niemandsland etwa für eine Geburtstagsfeier reserviert hat, kann nur hoffen, dass er auf den Getränken nicht sitzen bleibt.

Nicht zuletzt stellt der Streik Gäste vor ein weiteres Problem: Wer auf der Party ist, kann so schnell nicht wieder gehen. „Sorry, mein Bus kommt“ oder „Oh, wie schade, ich muss die letzte U-Bahn erreichen“ – das sind Ausreden, die an diesem Wochenende nicht zählen.

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