Partygänger : 1A Lauschgift

Die Tapeten wirken gemütlich, irgendwie retro. Montag ist Karaoketag. Johanna Lühr war da.

Johanna Lühr
Lauschgift
1A Lauschgift in Mitte -Foto: David Heerde

Montag ist Karaoke- Tag im 1A Lauschgift. Das passt. Denn erstens ist kein Tag so unselig wie dieser erste Wochentag und zweitens ist nichts so nutzlos wie Karaoke. Warum also nicht die Party am Montag mit Singen verbringen. Das Lauschgift liegt gleich hinterm Hackeschen Markt Richtung Monbijoupark an einer Ecke. Es sieht so aus, wie Touristen sich einen Berlinladen wünschen: irgendwie Retro. Die Sofas sind aus giftgrünem Leder, die Wände im 70er-Jahre-Stil tapeziert, davor stehen Beistelltische mit abgerundeten Kanten. Hinten in der Couchecke sitzen ein paar Jungs und Mädels vor einer Leinwand, irgendwer hat auch schon ein Mikrofon in der Hand. An der Bar hört man noch nichts davon. Dafür erfährt man, um was es hier geht: nicht bloß Karaoke, sondern „Queer-Karaoke“.

Was soll das bedeuten? Besonders queer, also homosexuell, sieht das hier nicht aus. Ach, das sei ihre Idee gewesen, sagen Barfrau und Barmann und es hätte eigentlich keine weitere Bedeutung, außer dass sie selber beide queer seien und es so was schließlich noch nicht geben würde. Aber natürlich sei der Abend auch für alle anderen offen. Trotzdem, finden sie, würden Homosexuelle meist mehr aus sich herausgehen. Heteros seien in der Regel verklemmter. Daraufhin entbrennt am Tresen eine kleine Diskussion, und am Ende einigt man sich auf eine Formulierung, mit der alle leben können: Manche Menschen mögen Karaoke, andere kann man damit jagen. Die einen sind Performer ohne Angst vor dem Absturz, die anderen gruselt es genau davor. Aber die müssen ja nicht kommen.

Gekommen sind ein paar gut gelaunte Menschen um die zwanzig, die einen Geburtstag feiern, und die üblichen Tresenhocker, die sich davon nicht stören lassen. Kurzzeitig übernimmt eine Gruppe von sechzig Amerikanern auf der Bar-Berlin-Tour den Club und bestellt in rasantem Tempo eine riesige Menge an Bier und Kurzen. Sie kommen aus den Hostels um die Ecke und sind ganz begeistert von allem und jedem, auch wenn keiner von ihnen singen mag – no way. Nach einer Stunde ziehen sie weiter durch die Stadt, die sie alle lieben und „so real!“ finden. Wir stimmen ihnen zu.

Die Sänger hier sind ehrlich und entspannt. Es brodelt nicht, ist aber wohlig warm. Norah Jones ist an der Reihe: I don’t know why. Man weiß es wirklich nicht, aber irgendwann passt dann alles. Der Sänger groovt zum Video auf der Leinwand. Die Mädels lächeln den Jungs in den Rücken, und wenn sich einer umdreht, zünden sie sich schnell eine Zigarette an. Um Mitternacht singt einer ein Geburtstagsständchen, a capella mit wunderschöner Stimme. 1A. Johanna Lühr

1A Lauschgift, Kleine Präsidentenstraße 3, Mitte, täglich ab 19 Uhr, montags gibt es Queer-Karaoke.

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