Partyszene : Clubs der Visionäre

Musik und Möbelpacker: Die Partyszene befindet sich im Umbruch. Das Rodeo überrascht, der Tresor expandiert, der Magnet zieht um – an die Oberbaumbrücke.

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Kreuzberg tanzt wieder. An der Falckensteinstraße war lange das »103« beheimatet, später dann das »Live at Dot« - am Donnerstag...Foto: David Heerde

Die Mail, die von den Betreibern des „Rodeo Club“ zu Beginn dieser Woche verschickt wurde, beginnt poetisch – mit einem Gedicht von Andreas Gryphius: „Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen / Mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen / Der Augenblick ist mein, und nehm’ ich den in acht / So ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.“ Was dann folgt, ist eine Nachricht, die bei Berlins Partygängern für Verwirrung sorgt. Die Veranstalter kündigen „die letzten Augenblicke unseres Rodeo-Clubs“ an, verbunden mit der Erkenntnis, „die Zeit ist gekommen“.

Diese Meldung überrascht das Nachtvolk. Ein Anruf bei Betreiber Martin Hötzl und seinem Team bringt Aufklärung: Nicht der Club im alten Postfuhramt an der Oranienburger Straße in Mitte macht dicht – lediglich die gleichnamige Veranstaltungsreihe im Ballhaus Ost an der Pappelallee in Prenzlauer Berg wird eingestellt. Durchatmen also bei den Anhängern des Partyortes mit dem beeindruckenden Kuppelsaal an der Oranienburger Straße.

Dort hat jedoch bereits vor zwei Wochen ein anderer Laden geschlossen: das „Silberstein“, das sich nur wenige Schritte vom Rodeo entfernt befand. Nach dem Mauerfall trafen sich hier junge Künstler und Musiker, Mitte der Neunziger fand im Silberstein das „Interference Festival“ für Kunst und elektronische Musik statt. Der Laden steht nun zur Neuvermietung aus – für angeblich 10 000 Euro Kaltmiete pro Monat. Und auch die Macher des „Greenwich“ in der Gipsstraße gleich um die Ecke gaben Ende letzten Jahres auf. Sie verkauften die Bar – per Anzeige auf einer Internetseite. Ein schwacher Trost bleibt immerhin: Die neuen Betreiber, Azar Moorad und Alexis Kalpakidis, feierten vor knapp einem Monat die Neueröffnung des einstigen Wohnzimmers der Mitte-Hipster. Neu renoviert. Aber mit altem Namen.

In Berlins Clublandschaft zeichnen sich derzeit eine Reihe von Veränderungen ab: Auch der „Magnet Club“ an der Greifswalder Straße in Prenzlauer Berg schließt. Nach neun Jahren. Weil es wegen „nun geklärter Mietverhältnisse keine langfristige Perspektive mehr“ am Standort gibt, wie die Betreiber auf ihrer Internetseite mitteilen. Zugleich verkünden sie jedoch ihren Umzug. In der kommenden Woche bezieht der Club das Gebäude an der Falckensteinstraße 48 in Kreuzberg, am Donnerstag steigt die Einweihungsfeier in den neuen Räumen.

Wobei: Wirklich neu sind sie nicht – zuvor war hier das „103“ beheimatet, später dann das „Live at Dot“. Zu ihren Plänen am neuen Standort wollen sich die Macher des Magnet jedoch noch nicht offiziell äußern. Nur so viel geben sie bekannt: Wie schon in Prenzlauer Berg soll es auch in Kreuzberg zwei Tanzflächen geben, hinzu kommt ein Außenbereich. „Wir wollen erst mal anfangen und dann gucken, wie sich die Dinge entwickeln“, sagt ein Sprecher.

Erst mal anfangen und dann gucken. Klingt wie ein Spruch aus den frühen Neunzigern. Zum „Gucken“ bleibt den meisten Berliner Partymachern heute aber nicht mehr viel Zeit. Der wirtschaftliche Druck ist groß, am Ende muss bei einer Party eben auch der Umsatz stimmen, wenn ein Club auf lange Sicht überleben will. Günstige Zwischennutzungskonzepte lassen sich kaum noch realisieren. Und auch Geldgeber sind nur noch schwer für die kreativen Ideen der Subkultur zu begeistern.

Das hat auch Dimitri Hegemann zu spüren bekommen, der den „Tresor“ an der Köpenicker Straße in Mitte zu einer Kunsthalle ausbauen will. Er musste viel Zeit und Geduld aufbringen, um die Finanzierung über 2,5 Millionen Euro zu sichern. „Dabei brauchen wir neue Ideen“, sagt Hegemann. Warum? Weil ein Großteil der Club-Gäste mittlerweile Touristen sind. Und die erwarten vom Berliner Nachtleben immer wieder Veränderung, immer wieder Wandel – dafür steht die deutsche Hauptstadt im Ausland. Der Tresor-Chef feiert das 19-jährige Bestehen seines Clubs an diesem Wochenende deshalb mit gemischten Gefühlen. Er weiß: Berlins Partymachern stehen schwere Zeiten bevor.

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