Stadtleben : Patient statt Plastinat

Im medizinhistorischen Museum der Charité öffnet eine neue Ausstellung Sie soll eine Antwort sein auf die umstrittene Körperwelten-Show

Daniela Martens

Die Pupille ist durch den schmalen Spalt kaum noch zu erahnen. Das Auge ist so sehr geschwollen, dass es aussieht wie eine Walnuss. „Trachom“ oder „ägyptische Körnerkrankheit“ nennt man so eine bakterielle Entzündung des Auges. Die kranke junge Frau scheint zu schlafen. Um den Kopf trägt sie ein weißes Tuch, dass nur eine Gesichtshälfte freilässt – einen sanft geschwungen Mund, eine zierliche Nase, ein rundes Kinn.

Einen Körper gibt es nicht zu diesem Gesichtsfragment. Es ist aus Wachs geformt nach dem Gipsabdruck einer realen Patientin, die um 1900 in der Charité behandelt wurde – eine „Moulage“. Lange lag sie im Depot des medizinhistorischen Museums der Charité, jetzt wurde sie restauriert und ist ab Freitag in der neuen Dauerstellung des Museums zu sehen. Diese ist mit 800 Quadratmetern jetzt viermal großer als vorher, die Zahl der Exponate hat sich auf 1400 verdoppelt. Drei große Ausstellungsräume sind hinzugekommen

Die junge Frau aus Wachs ist nicht allein. Sie hängt an einer roten Wand – über unter und neben ihr ähnliche „emotionale Krankenporträts“, wie Thomas Schnalke, Direktor des Museums, sie nennt. Einige blicken dem Betrachter direkt ins Auge, andere verschämt nach unten. Es ist, als werfe man einen Blick in die Welt der Kranken. „Wir wollten die Perspektive auf den kranken Menschen richten“, sagt Schnalke. Die Ausstellung sei unter anderem eine Antwort auf Gunther von Hagens’ Körperwelten. „Denn wir stellen die Exponate in einen sinnvollen Kontext. Wir fragen, warum die Medizin den Körper aufschneidet, und was sie damit erreicht hat.“ Deshalb soll die neue Ausstellung um die teilweise gruseligen Präparate der Sammlung herum die Medizin auf behutsame Weise erklären: Zum Beispiel im „Krankensaal“ im vierten Stock, der ganz den Geschichten von Patienten aus drei Jahrhunderten gewidmet ist. Da ist die 17-Jährige Dorothea, die 1727 eine „schwere Geburt“ in der Charité erlebte. Oder der dreijährige Hans, der 1958 an Kinderlähmung erkrankte.

Jedem Patienten ist ein Podest mit zwei Vitrinen gewidmet, das an ein Krankenbett erinnern soll. Auf Hans’ Podest steht eine Art Mini-U-Boot aus Metall – eine „eiserne Lunge“, in der Polio kranke Kinder behandelt wurden. Aus einer der Vitrinen guckt der Teddybär des Jungen herüber.

Aber auch außerhalb des Präparateraums, der unverändert geblieben ist, findet man in der Ausstellung Exponate, bei deren Anblick man sich gruseln kann. Der von Syphilis zerfressene Schädel etwa. Oder das rachitische Skelett mit der schlangenähnlich verkrümmten Wirbelsäule. Das hat übrigens nach langer Zeit an seinen ursprünglichen Platz zurückgefunden: Es steht wieder neben dem Arbeitstisch des berühmten Pathologen Rudolf Virchow, der die medizinhistorische Sammlung im 19. Jahrhundert gründete.

Medizinhistorisches Museum , Charitèplatz 1, Eingang am Alexanderufer, Die ersten drei Tage, von Fr bis So ist von 10 -22 Uhr geöffnet, Mo geschlossen, Di bis So 10-17 Uhr, Mi bis 19 Uhr, Eintritt 4 Euro

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