Pfandflaschen : Jäger und Sammler

Sie warten vor Arenen, sie haben ihre Reviere abgesteckt: Menschen auf der Suche nach Leergut. Seit Hartz IV gehören sie zum Stadtbild. Das eingesammelte Pfand hilft ihnen zu überleben. Nur selten kommt viel Geld dabei heraus. Die Konkurrenz ist groß.

Silke Weber
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Pfandsammler leben vom Leergut anderer. -Foto: dpa

BerlinDie Valeska-Gerd-Straße führt direkt auf den Premium-Eingang der O2-Arena zu. Am Ende der Straße sind ein orangefarbener und ein silberner Einkaufswagen strategisch vor den Mülleimern geparkt. „Dann muss man nicht in die Mülleimer greifen, um an das Leergut zu kommen“, sagt Stephan Schümichen (51), kräftig, 1,90 Meter groß. Er bewacht die Einkaufswagen, er ist Flaschensammler.

Seit Hartz IV, der aktuellen Finanzmarktkrise und einer Armutsquote, die laut Statistischem Landesamt jeden Sechsten in Berlin und Brandenburg als gefährdet einstuft, gehören Flaschensammler zum Stadtbild. Man sieht sie auf Bahnhöfen, in Parks oder vor Konzerthallen, dort, wo Menschen konsumieren und ihre Pfandflaschen zurücklassen. Ein Passant, auf dem Weg zum Leonard-Cohen-Konzert in der O2-Arena, legt eine weitere Flasche in den silbernen Einkaufswagen und lächelt teilnehmend. Stephan, seit zwei Jahren Sammler, freut sich darüber. Hier auf dem Vorplatz der Arena wird jene Parallelgesellschaft sichtbar, die das verwertet, was andere wegwerfen. Eigentlich sind Flaschensammler Einzelkämpfer, aber Stephan ist heute mit seinen Neuköllner Kumpels Kalle* und Manni* angerückt. Manni, rotes Shirt, klein und kahlköpfig, sammelt verbissen. Kalle, blau-grau gestreiftes Shirt und Gevatter-Tod-Tätowierung auf dem Oberarm, hält sich zurück, er ist neu. Hat nur ab und zu mal, wenn er seinen Mischlingshund Gassi führt, nach den Flaschen am Straßenrand gegriffen. Die Einkaufswagen haben sie sich vom Metrogelände gegenüber besorgt, hier kommen die Glasflaschen (0,08 Euro) rein. An die Wagen sind blaue Müllsäcke geknotet – für die PET-Flaschen (0,25 Euro): „Da liegt das Gold drin“, sagt Stephan. Dieses Revier hilft ihm, die 350 Euro Hartz IV aufzubessern.

Die drei sind die einzigen Sammler, doch die Besucher trinken wenig. Der Platz ist nach Pfandflaschenrevieren parzelliert. 50 Meter weiter stehen die Tonnen des Recycling-Unternehmens Alba, das ist fremdes Gebiet, da dürfen sie nicht ran. Viel Sicherheitspersonal ist anwesend. Rund 20 Euro sind schon gesammelt. Viel mehr wird es heute nicht mehr. Manni ist verärgert, Stephan gelassen und schwärmt von Großveranstaltungen wie dem Depeche-Mode-Konzert mit 70 000 Fans im Berliner Olympiastadion. „Da standen bestimmt 8000 bis 12 000 Euro rum.“

Aber auch die Konkurrenz ist bei solchen Großereignissen stärker. „Die Sammler kennen sich.“ Stephan kennt auch Geschichten, wonach sie mit abgeschlagenen Flaschenhälsen der Pfandbeute wegen aufeinander losgehen. Teilweise gibt es markierte Reviere. Stephan, meist auf dem Ku’damm unterwegs, ist noch in keine Rangelei geraten. Auch Sechs- bis Sieben-Stunden-Tage nimmt der 120-Kilo-Mann, der 16 Jahre auf dem Bau gearbeitet hat, sportlich. Er hat die Hoffnung auf eine normale Erwerbstätigkeit aufgegeben, aber er sagt: „Wer rastet, der rostet. Ich kenne Leute, die rosten, die aufgegeben haben. Ich fühle mich nicht überflüssig.“

Stephan hat viel erlebt, schon mal im Knast gesessen und auf der Straße campiert. Von dem Pfandgeld schickt er ab und an was an seine Tochter, die macht gerade Abitur. Der erfahrene Sammler verdient sich so in Sommermonaten bis zu 400 Euro dazu, im Winter 150 bis 200. Sein Fahrrad und den kleinen Anhänger hat er damit finanziert und auch einen MP3-Player. Er will sich einfach seine Hobbys leisten können: Kino, Dart- und Billardverein. Das trägt der Ein- Euro-Job nicht, für den er von Neuköllner Kinderspielplätzen Dreck und Drogen entfernt.

Stimmt das Gerücht, dass professionelle Flaschensammler schon mal 1000 Euro Umsatz im Monat machen? „Es gibt Leute, die übertreiben“, sagt Stephan. Das Universum der Sammler ist vielschichtig: Es gibt gewerbsmäßige – „die sind mit Bollerwagen oder Kleintransportern unterwegs“ – oder semiprofessionelle und diejenigen, die nur ab und zu am Monatsende zur Tonne gehen, weil die Grundrente nicht reicht. „Dann sieht man auch Oma und Opa Bresecke aus dem KaDeWe den Ku’damm hochschlendern und in die Mülleimer gucken“, erzählt Stephan.

Der Vorplatz der O2-Arena hat sich geleert, Stephan fährt gemeinsam mit seinen Kumpels die Einkaufswagen zurück zu den Supermärkten. Die magere Beute wird gleich eingelöst: Sie finanziert den Männern heute ein Bier. Silke Weber

*Namen von der Redaktion geändert

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