Philharmonie : Das klingt lustig

Die Berliner Symphoniker überraschen ihr Publikum gern zu Silvester. Schlagzeuger Viorel Chiriacescu zeigt dabei ganz besondere Talente.

 Udo Badelt
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Mit Pauken und Vergnügen. Viorel Chiriacescu und seine Kollegen von den Berliner Symphonikern lassen das Jahr mit Humor...Foto: David Heerde

Wenn es schwierig wird, sind Humor und eine gewisse heitere Gelassenheit ganz hilfreich. Das gilt auch für die Berliner Symphoniker. Die hatten eigentlich wenig zu lachen. Der Senat strich ihnen 2004 die öffentliche Förderung, und die Hälfte der Musiker musste gehen. Doch es gibt die Symphoniker weiterhin, und sie lassen sich den Spaß nicht verderben – vor allem nicht in ihren Silvesterkonzerten. Da trägt Chefdirigent Lior Shambadal, der dem Orchester die Treue hält und sowieso Entertainer-Qualitäten hat, schon mal einen chinesischen Hut oder eine Johann-Sebastian-Bach-Perücke, während er das Programm erläutert. Auch der Schlagzeuger Viorel Chiriacescu mischt die Konzertroutine gerne auf. „Es begann im Silvesterkonzert vor fünf Jahren“, erzählt er. Mit einer Ballett- Solistin der Deutschen Oper tanzte er spontan einige Nummern aus „Schwanensee“. Beim Nachmittagskonzert gelang das noch etwas holprig, abends dann schon viel besser, so dass Lior Shambadal gleich meinte: „Das bauen wir aus.“ Ergebnis war, dass Chiriacescu ein Jahr später im Tutu auftrat und 2006 – zur Fußball-WM – mit einem Kollegen ein Fußballer-Trikot anzog. Und so ging es weiter. Das Publikum freut sich inzwischen auf seine Späße: „Wenn ich etwas mache“, sagt er, „entsteht das immer aus der Situation heraus“. Voriges Jahr hätte es sich nicht ergeben, und prompt gab es Nachfragen. Denn Symphoniker-Fans wissen: Silvester geht es meistens ausgelassen und ironisch zu. Jahrzehntelang haben sich die Symphoniker mit ihren musikpädagogischen Angeboten ein Profil geschaffen, und das spürt man bis heute. Sie gehen offensiv auf die Zuhörer zu und mischen Neues geschickt mit den unverwüstlichen Krachern, etwa dem „Radetzkymarsch“ oder – wie dieses Jahr – mit Verdis Herzog-Arie „La donna è mobile“.

Viorel Chiriacescu hat in Bukarest studiert und verließ 1986, mit 20, seine rumänische Heimat – angeworben von einer DDR-Kommission, die in sozialistischen Bruderländern nach Musikern suchte. „Die haben sogar Geld für uns bezahlt, was wir aber erst später erfahren haben“. Man bot ihm an, am Theater Senftenberg, das damals noch ein eigenes Orchester hatte, zu spielen. Chiriacescu hatte keine Ahnung, wo Senftenberg liegt, und sagte sofort zu. Es war eine gute Schule für ihn, aber 1993 wurde das Orchester aufgelöst, Chiriacescu ging nach Berlin, um noch einmal zu studieren. Ein Job als Pizzafahrer wechselte sich immer häufiger mit Auftritten bei den Symphonikern ab, bis er schließlich fest dazugehörte. 2004 dann die Katastrophe: Das drohende Aus. „Ich hatte das ja schon einmal erlebt“, erzählt er, „aber viele Kollegen waren fix und fertig. Manche schafften es in die Rente, einige wenige kamen anderswo unter. Wer zwischen 35 und 50 war, schlägt sich jetzt als freischaffender Musiker durch. Auch Chiriacescu gehört dazu. Sein Leben ist, wie das vieler Berliner Künstler, komplett flexibilisiert. Neben der Tätigkeit bei den Symponikern unterrichtet er Drumset an der Musikschule Kleinmachnow, hilft bei anderen Orchestern oder spielt Schlagzeug in der Castorf-Inszenierung „Die Maßnahme“.

In den beiden Konzerten heute wird Chiriacescu wohl nicht der einzige Spaßvogel bleiben. Vier italienische Kontrabassisten, die sich „The Bass Gang“ nennen, treten auf mit dem Slogan „Tiefe Streiche(r) spielen“. Auf ihrem Programm stehen unter anderem Themen aus Ouvertüren von Rossini. Der wusste auch ganz gut, was Humor ist.

Silvesterkonzert der Berliner Symphoniker, Kammermusiksaal der Philharmonie, 15.30 Uhr ausverkauft, Restkarten für 19 Uhr an der Kasse

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