Philharmonie : Melodien für Millionen

Die Berliner Philharmoniker laden zur Geburtstagsparty – und werden vom Publikum förmlich überrannt. Der 125. Jahrestag bietet Musik für alle.

Frederik Hanssen

BerlinDie Berliner Philharmoniker tendieren dazu, ihre eigene Beliebtheit zu unterschätzen: Am Sonntag feiert das Weltspitzenensemble seinen 125. Geburtstag mit einem großen Orchesterfest bei freiem Eintritt – und natürlich erscheinen die Fans drei Stunden, bevor der erste Ton erklingen soll, natürlich ist schon die Vorführung des Films "Das Reichsorchester“ über die Philharmoniker während der Nazizeit um 11 Uhr im Kammermusiksaal überfüllt. Je näher der Auftakt im großen Saal mit Simon Rattle und dem ganzen Orchester rückt, desto dichter wird der Strom der Neugierigen, bald ist Hans Scharouns Konzertsaalkomplex mit den baupolizeilich erlaubten 3800 Besucher gefüllt, so dass die Ordner die Türen schließen müssen. Ein Massenstart zum Musikmarathon.

Während die einen also in Schlangen im Freien ausharren, drängen sich drinnen die Trauben vor den Saaltüren – und für all jene, die ewig vor dem Eingang zum Block A ausgeharrt haben, um dann zu erfahren, dass die besten Plätze für VIP-Karten-Besitzer reserviert sind, beginnt das Fest weniger erfreulich. Aber auch vor anderen Türen spielen sich dramatische Szenen ab. Als dann aber schließlich jeder Sessel, jede Treppenstufe, jedes Fleckchen Geländer belegt ist und die Musiker auf die Bühne strömen, weicht der Unmut über die Organisation doch einer knisternden Spannung.

Weniger spektakulär aber lockerer

Als die Berliner Philharmoniker 1982 ihr Hundertjähriges feierten, gab es neben hochnoblen, geschlossenen Festveranstaltungen auch eine abendliche "Revue“ bis zwei Uhr morgens, bei der Loriot mit dem Orchester einen Sketch spielte und Yehudi Menuhin Beethovens Fünfte auf dem Kopf stehend dirigierte. Na ja, zumindest den Anfang.

Im Jahr 2007 fällt die Party weniger spektakulär aus, dafür aber um so lockerer: Ein Tag der Musik für alle. Nur der running gag hätte auch von vor 25 Jahren stammen können: Musikclown Dimitri, der in Marcel-Marceau-Manier selbst Simon Rattle mit seinen Pantomimen zusetzt. Der Maestro aber nimmt’s gelassen und gibt mit einer sommersonnig interpretierten Ouvertüre zu Wagners "Meistersingern“ den Sound für den einmaligen Darbietungsreigen vor, bei dem sich bis nach 21 Uhr die Philharmoniker in ihrer ganzen stilistischen Vielseitigkeit und mit der Fülle ihrer kammermusikalischen Ensembles präsentieren.

Bald pegelt sich auch in den Foyers eine gelassene Stimmung ein, man wandelt, mal umweht von Kaffeearoma, mal von Prager-Schinken-Duft, durch die Hallen, lagert auf den Sitzgelegenheiten, verfolgt über Monitore die Kurzkonzerte oder beugt sich mit den Kindern über das mitgebrachte Puzzle. Überhaupt ist eine Publikumsmischung zu bestaunen, wie es sich jeder Konzertveranstalter nur erträumen kann: Durch alle Altersgruppen vom Säugling bis zum rüstigen Rentner, Kenner und Greenhorns, Coole und Aufgebrezelte friedlich vereint. Gegen 15 Uhr hat sich dann sogar die Wartesituation vor den Eingangstüren deutlich entspannt. Herzlichen Glückwunsch, liebe Philharmoniker!

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