Pieke Biermann : Ihr Revier

Pieke Biermann ist eine Kriminalroman-Autorin, die sich auf die Realität verlässt. Sie phantasiert nichts zusammen, schreibt authentische Berliner Sozialstudien, die als Romane verpackt sind.

Bernd Matthies

BerlinManchmal lässt sie die Verpackung auch weg, recherchiert journalistisch in den Grauzonen zwischen Täter, Opfer und Ermittlern, reicht nach, was in Zeitungsmeldungen ungesagt bleibt oder schon als Fall die Zeitungen nie erreicht hat. Seit 2003 veröffentlicht der Tagesspiegel diese Texte, die auch als O-TonReportagen im RBB-Inforadio gesendet werden – nun sind sie auch in Buchform zu haben: "Der Asphalt unter Berlin“.

Die Berichte zeigen das Gegenteil der Glamourwelt aus den Fernsehkrimis, es treten weder schlitzohrige Tatort-Kommissare noch Verbrechergenies auf, sondern kleine Leute, hilflose Verlierer, Verbrechensopfer in allen Varianten. Es riecht in den Texten nach U-Bahn- Treppe und Absturzkneipe, und die, die von Amts wegen aufräumen sollen, können oft nur verwalten. Selten gerät die Oberfläche des Verbrechens in den Blick, Pieke Biermann schreibt nicht tagesaktuell und treibt sich selten an Verbrechensschauplätzen herum. Ihre Domäne ist der Rückblick, sie sucht Erklärungen oder will doch verstehen, weshalb viele Dinge unerklärlich bleiben.Vor allem hat sie Interesse an der Arbeit der Polizei, die sie sachkundig und detailversessen begleitet.

Sie zeigt Innenansichten der Spezialeinsatzkommandos nach dem gewaltsamen Tod eines Kollegen, berichtet aus der Arbeit der Sprengstoffexperten, besucht Zollbeamte, die sich um illegale Importe kümmern. Den Blickwinkel könnte man als parteiisch zugunsten der Polizei beschreiben; hakt es irgendwo, hat die Justiz Sand ins Getriebe gestreut, oder der Datenschutz stellt sich den Ermittlern in den Weg. Die Ermittler, die sich auf die Sympathie der Autorin ganz und gar verlassen dürfen, reden Klartext, verfallen nicht ins gestanzte Juristendeutsch der Pressestellen. Und aus den Veröffentlichungsdaten der Texte im Tagesspiegel ergibt sich, dass sie mit gutem Gespür für Aktualität geschrieben wurden. Bernd Matthies

Pieke Biermann:
Der Asphalt unter Berlin. Kriminalreportagen aus der Metropole. Pendragon Verlag, Bielefeld. 255 Seiten, 14,90 Euro.

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