Popkomm : Smalltalk, Beats und Bisongras

Die Musikmesse Popkomm unter dem Funkturm ist ein Fall für Spezialisten - sofern nicht zufällig ein Superstar wie DJ Paul van Dyk vorbeikommt.

Stefan Jacobs
popkomm
Schöner Sound. Annette Louisan sang bei der großen Eröffnungsparty in der Kulturbrauerei. -Foto: Davids

Das Rahmenprogramm der Popkomm ist leicht zu begreifen: Party an jedem Abend überall in der Stadt, 450 Künstler sind für vier Messeabende avisiert. Schwieriger wird es bei dem, was vor dem Rahmenprogramm passiert, also auf der Messe selbst.

Dass zwei Messehallen für fast 900 Aussteller reichen, scheint auch mit der Schwierigkeit zusammenzuhängen, die Messestände zu dekorieren: Zwei rechtwinklig angeordnete Kunststoffwände mit einem Plakat dran, davor ein Tisch mit – je nach Firma – leeren oder bestückten CD-Hüllen, ein paar Faltblättern und im Idealfall einem Glas voll Salzstangen.

Während für die ITB selbst Zwergenstaaten Riesenpyramiden in die Hallen schieben, reicht auf der Popmesse die Deko nur bis auf Augenhöhe. Musik ist kaum zu hören, nur Stimmengewirr und manchmal ein dünner Beat aus einem Laptop. Von „Arbeitscharakter“ hatte der Messegeschäftsführer gesprochen; Beginn ist täglich um neun Uhr. Der Durchschnittsarbeiter auf der Popkomm ist 25 bis 45 und oft in der Raucherecke anzutreffen. Er trägt entweder eine zerbeulte Hose zum Sakko oder ein zerbeultes Shirt zur guten Hose und Turnschuhe. In den meisten Fällen ist er eher blass, in jedem Fall aber ziemlich gut drauf.

Der Branchenführer Universal hat sich einen der wenigen großen Stände geleistet. Vor allem hoffnungsvolle Nachwuchskünstler seien am ersten Tag gekommen, erzählen die Leute am Infotresen. Mehr als 50 Demo-Tapes habe man bis zum frühen Nachmittag schon bekommen. Die müssten nun von den A&R-Managern beurteilt werden, wobei A&R für „Artist & Repertoire“ steht. Nadelsucher in Heuhaufen; allein Universal hat einige Dutzend davon. Warum die Bewerber ausgerechnet zur Messe kommen, wo die Tageskarte immerhin 160 Euro kostet, ist den Leuten am Stand schleierhaft. Sie könnten ihr Tapes ja auch einfach per Post schicken.

Während man im Katalog blättert, steht plötzlich Paul van Dyk neben einem, eine noch eingeschweißte Blanko- Gutscheinkarte aus dem Schreibwarenladen und seine Sonnenbrille in den Händen. Der berühmteste DJ und vielleicht meistgewünschte Schwiegersohn der Welt grüßt diesen und jenen, erzählt einem Bekannten von Ärger mit seinem Computer und wirkt selbst dabei so umwerfend sympathisch, dass man ihm am liebsten ein Gespräch aufzwingen oder wenigstens ein Autogramm abschwatzen möchte. Aber das erledigt sich dann auch schnell dadurch, dass der Superstar im Inneren des anthrazit verspiegelten Messestandes verschwindet. Der kurze Moment des Glanzes ist vorüber – wer mehr davon erleben will, muss Freitagabend in die Arena nach Treptow kommen. Dort legt Paul van Dyk auf.

Bis dahin soll auf der Popkomm das Geschäft brummen, das für Externe schwer durchschaubar ist. Krzysztof Karwasz versucht es mit einer Erklärung. Er ist Chef der Musikfirma „Soliton“ in Sopot an der polnischen Ostseeküste und war in vergangenen Jahren nur als Besucher hier. Jetzt hat er seine Premiere als Aussteller und erklärt, warum er die Popkomm auch im Internetzeitalter braucht: „Hierher kommen unsere Partner. Sie klappen ihre Koffer auf, zeigen was sie haben, und sagen, was sie suchen. So können wir Lizenzen verkaufen und Ideen sammeln.“ So könne ein Filmproduzent, der Instrumentalmusik brauche, bei ihm fündig werden.

Karwasz hat viele Naturklänge im Angebot. Etwa die Hälfte seiner Künstler stamme nicht aus Polen; beispielsweise habe er einen Geiger der Berliner Philharmoniker unter Vertrag. Eine Bilanz will er am ersten Tag noch nicht wagen, aber es lasse sich gut an. Seit 17 Jahren gebe es Soliton, eine Firma mit sechs Angestellten, „die arbeiten wie zwölf“. Dann langt Karwasz unter den Tisch und holt eine Bonsaiflasche feinen Wodkas hervor, Geschmacksrichtung „Bisongras“, inklusive Halm. „Wir könnten solche Geschenke auch per DHL verschicken. Aber wenn wir sie hier verteilen und unseren Partnern dabei direkt in die Augen schauen, ist das etwas völlig anderes.“

Die Höhepunkte, die besten Partys und Konzerte der Popkomm finden Sie in unserem Veranstaltungsmagazin „Ticket“, das heute dem Tagesspiegel beiliegt.

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