Porträt : Der Chef der C/O-Galerie

„Wir leben nur jetzt!“, dachte Stephan Erfurt. Und gründete C/O Berlin, eine Institution im alten Postfuhramt in Mitte, die heute einer der lebendigsten Orte internationaler Fotokunst ist. Ohne Subventionen – ein erstaunliches Beispiel kulturellen Engagements.

Peter von Becker
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Im Bilde. Stephan Erfurt gründete die Galerie C/O, die sich im Postfuhramt an der Oranienburger Straße in Mitte befindet. -Foto: Mike Wolff

Einst war er das Auge über der werdenden neuen Reichstagskuppel. Heute öffnet er der Stadt und mitunter der internationalen Kunstwelt selbst die Augen. Doch noch immer ist der Fotograf und Kulturunternehmer Stephan Erfurt einer der berühmtesten Unbekannten Berlins.

Seine jüngste Geschichte ist auch die Geschichte des im Inneren zu unverhofft neuem Leben erblühten alten Berliner Postfuhramts – und einer nicht nur in Deutschland ziemlich einzigartigen Institution namens „C/O Berlin“. Das ist die Versalversion des internationalen Postadressenzusatzes „care of“. Doch richtig neugierweckend wirkt die von Stephan Erfurt durchgesetzte Marke C/O erst mit dem so ambitioniert wie leicht rätselhaft klingenden Untertitel „Internationales Forum für visuelle Dialoge“. Was immer nun visuelle Dialoge bedeuten, man merkt: Das Allerweltswort „Kommunikation“ sollte es hier nicht sein.

Etwas Besonderes. Wie das Haus an der Ecke von Oranienburger und Tucholskystraße, von dem vor 100 Jahren die Briefe und Pakete der Reichshauptstadt noch mit Pferdekutschen ausgefahren wurden. Im Inneren ist es heute von den spukhaften Resten wilhelminischen Pomps wie vom abblätternden Putz später DDR-Morbidezza gezeichnet. „Aber wir machen hier kein Museum und sind auch keine kommerzielle Galerie oder Eventagentur!“ Ruft Stephan Erfurt bei einem Rundgang aus – mit seiner weichen, nie lauten, gleichwohl insistierenden Stimme. Sie passt zu der Beharrlichkeit, mit der er und sein Team in wenigen Jahren dafür gesorgt haben, dass C/O Berlin in der Stadtmitte inzwischen neben dem staatlichen Martin-Gropius-Bau und noch vor dem viel aufwendigeren Helmut-Newton-Museum der lebendigste Ort internationaler Fotokunst ist. Eine Attraktion weit über Berlin hinaus.

Die Galerie ist eine inoffizielle Akademie für Talentförderung

Außerdem veranstaltet man hier mehr als nur Ausstellungen. C/O ist zugleich eine inoffizielle Akademie für Talent förderung, Lehre und angewandte Forschung. Und das alles ohne einen Euro öffentliche Subvention und auch ohne privaten Profit. Stattdessen: ein erstaun liches Beispiel kulturellen bürgerschaft lichen Engagements.

Wir sitzen jetzt in Erfurts privatem Atelier, das im Hochparterre eines bildschön renovierten Kreuzberger Altbaus liegt, mit Blick in einen Garten, den seine frisch angetraute Frau gestaltet hat. Es ist hier ein kontemplativer, ruhiger Ort, passend zu Erfurts im ersten Eindruck fast scheu wirkendem Naturell. An den Wänden hängen großformatige eigene Schwarzweißfotos, Landschaften und Frauenporträts. Erfurt arbeitet noch ausschließlich auf Film, nicht digital, und neben seinen ausgezirkelten, oft menschenleeren farbigen Architektur- und Landschaftsaufnahmen aus den USA, mit denen er als Hausfotograf im einstigen, längst verblichenen Magazin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ stilbildend wurde, hat er immer wieder auch schwarzweiß gearbeitet. Hat mit den surrealen Formen oder mit poetischen Schattenspielen in der Manier der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts experimentiert.

Doch in dem feinen Künstler steckt auch der in Wuppertal geborene Fabrikantensohn: der ausbrechende, aufbrechende Selfmademan und der erfinderisch Ideal und Praxis austarierende Unternehmer. Der Mann des geerdeten Höhenflugs. Hierfür ist seine Reichstagsepisode ein gutes Beispiel. Beim Bau der gläsernen Kuppel von Norman Foster hatte Erfurt sein Auge auf Berlin, doch wollte er es als Fotograf des „FAZ“-Magazins ganz genau wissen. Also ließ er sich durch Vermittlung des Architekturbüros Foster eigens bei der Wiener Baufirma anstellen, die für die Kuppelkonstruktion zuständig war.


Ähnlich hartnäckig hatte er zuvor während Arbeiten an der Kugel des Berliner Fernsehturms das Vertrauen der Baumänner gewonnen: „Beim ersten Bier jeden Morgen um acht“, erzählt er lachend. Bis sie ihn schließlich aus einer vom Alexanderplatz zur Turmspitze gespannten Gondel schwindelerregt fotografieren ließen.

Peter Erfurt begleitete als Werkfotograf den Umbau des Reichstags

Auf einem Spezialkran begleitete Erfurt als Werkfotograf und künstlerischer Doppelagent auch das Unternehmen Reichstagsumbau, und seine weltweit exklusiven Luftaufnahmen des gerade entstehenden Wahrzeichens der Berliner Republik zierten 1999 seine letzte Re portage für das „FAZ“-Magazin. Die wöchentliche Beilage wurde kurz danach eingestellt. So endete für den damals 40-jährigen Erfurt „über Nacht“ eine fotojournalistische Zusammenarbeit, die er 1984 als Nochstudent in New York begonnen hatte. Die eigentliche Berlin- Story aber fing nun erst an.

Denn in der Berliner Dependance des britischen Weltbaumeisters Norman Foster arbeiteten auch der Designer Marc Naroska (von ihm stammen die Wegweisersymbole im Reichstag) und der für die Ausführung vor Ort mitverantwort liche Architekt Ingo Pott. Mit ihnen beiden gründete Erfurt im Jahr 2000 nebenberuflich und ehrenamtlich das Projekt C/O Berlin. Gleichsam als Ersatz für ein damals von den offiziellen Institutionen der Stadt nicht zustande gebrachtes „Deutsches Centrum für Photographie“. Erfurt: „Das stand in den Sternen, und wir dachten, wir leben nur jetzt!“ So starteten die drei im Postfuhramt, das gerade leer stand, mit einer durch freundschaftliche Beziehungen, Glück und Geschick ergatterten Jubiläumsausstellung von Magnum, der berühmtesten Fotoagentur der Welt.

Im Jahr darauf platzte dann die Internetblase, und unter den wirtschaftlichen Folgewirkungen des 11. Septembers 2001 gab eine Internetfirma ihr Quartier in der hinter dem Postfuhramt gelegenen Linienstraße auf. Das war eine von Ingo Pott als mittlerweile selbstständigem Architekten mit allerhand Stahl- und Glaselementen elegant umgebaute alte Gießerei. C/O zog dort ein, und in dem schicken Hinterhof in Berlin-Mitte machte man schnell Aufsehen mit illustren Fotografen wie Martin Parr und René Burri, mit Anton Corbijns Bildern der Rockgruppe U 2 oder James Nachtweys Schrecken des Balkankriegs.

Seit 2006 residiert C/O im Postfuhramt

Bald aber platzte das alte Haus aus allen modernen Nähten. Als dann das von der Deutschen Post an einen israelischen Investor verkaufte Postfuhramt 2006 wieder frei wurde, wechselte C/O nunmehr als Hauptmieter in den Riesenbau, der mit seinen Kuppeln und Bogenfenstern halb wie eine historistische Kathedrale, halb wie ein Backsteindampfer ins Galerieviertel von Berlin-Mitte ragt.

In der Linienstraße blieben nur die Büros und Konferenzräume. Sie sind vom Designer Marc Naroska in dezentem Grau und Schwarz-Weiß plus der sparsam eingesetzten C/O-Signalfarbe Orange gestaltet. Im Unterschied zum eher düster-schweren, nur künstlich illuminierten Postfuhramt arbeiten sie hier in lichten Räumen und: fast durchweg ohne Türen. Kurze Wege, überall offene Ohren und Augen und das Ideal freier Geister. Allerdings auch mit dem Risiko, in den Arbeitsverhältnissen fest und frei zugleich zu sein. Anders aber wäre gar nicht finanzierbar, was alles passiert.

Am gestrigen Freitagabend eröffnete C/O beispielsweise eine Retrospektive des Fotografen Wowe alias Wolfgang Wesener. Wowe ist berühmt für seine spontanen Nightlife-Bilder, etwa von Andy Warhol, Miles Davies, Frank Zappa, Madonna oder Grace Jones. Zum Eröffnungsfest wurden, wie bei spektakulären C/O-Veranstaltungen inzwischen üblich, bis zu 1000 Gäste erwartet und DJ Hell, um der bunt gemischten Vernissagenmeute noch teuflisch einzuheizen.

Mit seinem Freund und Kollegen Wowe, erzählt Stephan Erfurt, „schließt sich dann nach 25 Jahren auch ein Kreis“. Weil die beiden Jungfotografen, von der Essener Folkwang-Schule kommend, sich 1984 in New York ein Zimmer und manchmal sogar aus Kostengründen ein Bett geteilt hatten: „Wowe war ja nachts immer in den Klubs unterwegs, um Popstars zu fotografieren. Manchmal half ich ihm dabei und hielt die Lampe, aber die oft un wirschen und schon zugedröhnten Stars anzuhauen und um Erlaubnis für einen Schnappschuss zu bitten, lag mir nicht so. James Brown hat einmal sogar mit einer Schrotflinte gedroht. Ich bin da lieber tagsüber auf Motivsuche durch die Stadt gestreift, wenn der Wolfgang schlief.“

Sammlung der Pariser Modedesignerin Agnès B. war ein Renner

Wowes „Essence. Twenty-five Years of Portraits“ ist nun die ungefähr 55. Ausstellung von C/O Berlin. Eben erst ging im Postfuhramt schon eine Großunternehmung zu Ende. Die erstmals außerhalb Frankreichs gezeigte Sammlung der Pariser Modedesignerin Agnès B. lockte Scharen in das Haus. In die Hallen und Korridore, wo an den malerisch abblätternden Wänden Bilder hingen von Man Ray und Warhol, von Diane Arbus, Nan Goldin, Robert Mapplethorpe oder Cartier-Bresson. Gut 250 effektvoll präsentierte Exponate.

Normalerweise braucht es für Ausstellungen dieser Dimension ein Museum, einen Mordsapparat und Steuergelder sowieso. C/O Berlin, darum „care of“, kümmert sich um die Hauptstadtkultur. Aber das mit maximal 35 freien Mitarbeitern, an sieben Tagen die Woche, nur in der Buchhaltung in der Linienstraße sitzt eine fest angestellte Fachfrau. Man hat im Postfuhramt 2000 Quadratmeter Schaufläche auf zwei bis drei Stock werken, und es gibt, meist in einer mächtigen ehemaligen Postsporthalle im Obergeschoss, auch Podiumsdiskussionen und Lectures mit Szenestars wie Jeff Wall, Juergen Teller und Karl Lagerfeld – oder demnächst, anlässlich einer Retrospektive bei C/O, auch mit Annie Leibovitz (die leibhaftig sonst nicht mal in den feinen Häusern von New York, Paris und London auftritt).

Pro Jahr kommen jetzt 80 000 Besucher ins Postfuhramt; die Zahl habe sich seit 2006 verdoppelt, Tendenz steigend, und Erfurt hofft 2008 erstmals auf „eine schwarze Null“. Man schafft das knapp zur Hälfte mit Ticketverkäufen, den Rest erbringen ein für Projekte der künstlerischen Nachwuchsförderung zuständiger gemeinnütziger Verein sowie Fremdvermietung, Beratung und Sponsoring: „Vor allem die Deutsche Börse Frankfurt ist ein Gründungspartner, der uns gerade jetzt die Treue hält“, sagt Stephan Erfurt mit einem erleichterten Lächeln.

Neben anderen Unternehmen und einem C/O-Freundeskreis, zu dem auch Fotoliebhaber(innen) wie Isabelle Huppert, Isabella Rossellini oder Harry Belafonte gehören, kommt das Engagement der Stiftung Zukunft Berlin hinzu – und die Tatsache, dass Erfurt und seine beiden Partner Marc Naroska und Ingo Pott für C/O ohne Geld arbeiten.

Einmal im Jahr fotografiert Erfurt für eine Agentur

Aber wie finanziert Erfurt heute seine Existenz? „Ich lebe von Verkäufen meiner eigenen Bilder an Sammler und von wenigen größeren Aufträgen, einmal im Jahr fotografiere ich zum Beispiel für eine Werbeagentur.“ Lieber aber spricht der hochgewachsene Fünfziger über die andere, seine „eigentliche“ Seite: „Ich habe 15 Jahre lang für das ,FAZ‘-Magazin auf der ganzen Welt sehr privilegiert arbeiten dürfen. Manche meiner Kollegen wurden dann Professoren an Kunsthochschulen. Ich aber wollte auf andere Weise etwas für den Nachwuchs zurückgeben. Eigentlich ha be ich C/O ja für die Jungen, die weniger Glück und Chancen hatten, gegründet.“

So veranstaltet C/O mit der Berlinale und einem Kamerahersteller als Sponsor für Fotoschüler während der Filmfestspiele am roten Teppich den Wettbewerb „Close-up!“; und jedes Jahr gibt es einen „Talente“-Wettbewerb. Eine hochkarätige Jury wählt dabei vier junge Fotografen aus, die alle eine eigene Ausstellung und einen Katalog erhalten – und damit, nach dem Auftakt bei C/O, in den Goethe-Instituten rund um den Globus präsentiert werden.

Wenn er unbescheiden sei, dann wür de er sagen, sagt Stephan Erfurt, „so etwas wie C/O gibt es nur in Berlin“. Und zuletzt verrät er noch, dass in dem von Kriegseinschüssen gezeichneten Hof des Postfuhramts in näherer Zukunft eine klimatisierte Ausstellungshalle entstehen soll. Weil vor allem amerikanische Stiftungen große Werke sonst nicht ausleihen. Kein Zweifel, Erfurts Team will zeigen, was privates Engagement selbst in Krisenzeiten bewegen kann.

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