Potsdamer Platz : Wohnen in der Vip-Lounge

Ein Appartement am Potsdamer Platz bietet: kurze Wege zu den ersten Adressen Berlins und beste Aussichten auf die Weltstars Wer hier lebt, hat die Gewissheit, mittendrin zu sein im "wahren Zentrum" - und muss nicht mal reich sein.

Thomas Loy
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Hallo Nachbarn Christian Bellardi auf seinem Balkon. -Foto: Thilo Rückeis

Das Schöne an der Wohnadresse Potsdamer Platz ist, dass man nichts erklären muss. Wo er ist und was da sonst noch so ist. Jeder weiß Bescheid. Das Dumme ist die große Schublade, die sich sofort auftut: Da wohnen nur Reiche und Promis. Auf Jane Pfützenreuter, die an einer Schule arbeitet, trifft beides nicht zu. „Wir gehen ganz normal arbeiten. Freunde meiner Kinder denken oft, wir seien steinreich.“ Ihre geräumige Maisonettewohnung mit Blick auf die Alte Potsdamer Straße und das Musical-Theater kostet 1500 Euro Miete. Nicht wenig, aber auch nicht unbezahlbar.

Dass man am Potsdamer Platz zu Hause sein kann, versetzt die meisten Leute in Staunen. Dabei kann es kaum eine bessere Wohnlage geben: S- und U-Bahn-Anschluss, Restaurants, Bars, Geschäfte, Kinos, Theater – alles fußläufig erreichbar. Regierung und Tiergarten gleich um die Ecke.

Das war für Ursula Wagner und ihren Mann sehr verlockend. Vor neun Jahren kamen sie an den Potsdamer Platz, direkt aus Bonn. Georg Wagner war bis vor kurzem Staatssekretär im Verteidigungsministerium – auch zu seinem Arbeitsplatz im Bendlerblock konnte er zu Fuß gehen.

Frau Wagner findet es toll, die Angebote einer Großstadt ohne Auto zu erreichen. Lärmende Jugendliche, Starrummel zu den Filmfestspielen und neugierige Touristen schrecken sie nicht. Wenn sie zu ihrem Lieblingskaufhaus spaziert, dem Lafayette an der Friedrichstraße, muss sie jedes Mal einer Gruppe Amerikaner den Weg zum Checkpoint Charlie zeigen. Das tut sie gerne. Eigentlich ist der Potsdamer Platz nur der Wagner’sche Zweitwohnsitz. Die Erstadresse ist in Zweibrücken, Rheinland-Pfalz.

Am Potsdamer Platz wohnen Politiker und Diplomaten, aber auch prominente Künstler, Unternehmer und Medienleute, die in Berlin arbeiten und am Wochenende nach Hause pendeln. Udo Lindenberg soll sich eine Luxusresidenz gesichert haben, Ex-Minister Hans Eichel gehört schon zu den Alteingesessenen im Daimler-Viertel. Die wirklich Reichen wohnen in den riesigen Appartements über dem Hotel Ritz Carlton im Beisheim-Center. Der Fünf-Sterne-Hotelservice gehört zu den üblichen Annehmlichkeiten der Eigentümer. Wenn man nach Hause kommt, ist der Kühlschrank voll, die Wohnung geheizt und die Wäsche frisch gebügelt. Die günstigsten Mieten in den etwas weniger exklusiven „Parkside-Appartements“ liegen bei 3000 Euro im Monat.

Im Sony-Center gibt es 134 sündhaft teure Luxuswohnungen über dem historischen Saal des alten Hotel Esplanade. Besucher müssen sich an einem Touchscreen-Terminal am Portal anmelden. Eine Concierge – schmales Gesicht, lange glatte Haare – hält in der Lobby einsame Wacht. Sie würde gerne helfen, aber Kontaktaufnahmeversuche zu den Bewohnern hält sie für aussichtslos. Vor der Tür warten bringe auch nichts. Die Tiefgarage hat einen separaten Zugang.

Auf der anderen Seite des Sony-Centers, an der Lego-Giraffe, sind die Bewohner etwas volksnäher. Zwar gibt es auch dort keine Klingelknöpfe mehr, aber die Menschen benutzen hier noch den Vordereingang. Zum Beispiel der flippige Consultant, 29 Jahre alt, mit Jeansjacke, wasserblau getönter Brille und gegeltem Haupthaar. Auf Anonymität lege er höchsten Wert. Vor vier Monaten zog der Consultant zusammen mit seiner Frau ins Sony-Center und zeigt sich bis heute beseelt von der Idee, im „wahren Zentrum“ der Stadt zu wohnen. Das sei „sensationell“, auch wenn sein Anteil vom Zentrum nur 60 Quadratmeter misst.

Gegen den Einfall von Touristenhorden wie zur Fußball-EM hat er nichts einzuwenden, im Gegenteil: das löse Assoziationen aus wie „Reisen, gute Laune und Geld“. Beschreibungen, die auch auf ihn zuträfen. „Wir arbeiten viel, haben wenig Zeit. Da ist es gut, alles in der Nähe zu haben.“ Im Haus sei es „sehr anonym“ – die Nachbarn würden eben auch viel durch die Welt reisen.

Die Anonymität am Potsdamer Platz hatte Ruth Lumpp, 72, erwartet, als sie vor zehn Jahren ihr Haus in Schwaben verkaufte und an die Voxstraße zog. Direkt vom Dorf bei Tübingen an die Dauerbaustelle Potsdamer Platz. „In der Ortschaft dachten sie, ich würde nach acht Tagen reumütig zurückkommen.“

Nach dem Tod ihres Mannes und dem Auszug der Kinder traf Ruth Lumpp, die mal als Krankenschwester gearbeitet hat, eine folgenreiche Entscheidung: „Ich wollte das letzte Drittel meines Lebens für mich verbringen, kaufte mir einen Stadtplan von Berlin, stach mit der Nadel direkt ins Zentrum und legte den Kreis bis zum Alexanderplatz.“ Schließlich landete sie in der Voxstraße, zwischen Cinemaxx-Kino und Grand-Hyatt-Hotel.

Das Kino stört sie nicht, ärgerlich findet sie nur den Lieferverkehr zum Grand Hyatt direkt unter ihrem Schlafzimmerfenster, morgens zwischen ein und drei Uhr. Dafür wurde sie aber schon durch einmalige Vogelperspektiven auf Madonna oder Elton John entschädigt. Sie fühlt sich „pudelwohl“ am Potsdamer Platz. Das Schönste sind für sie die Nähe zur Philharmonie und die große Tiefgarage. Wenn sie einkaufen geht, schiebt sie den Gitterwagen unterirdisch direkt bis vor ihren Kühlschrank. „Ich brauche niemanden, der mir die Tüten und Flaschen trägt.“ Sie will hier bleiben, so lange es geht.

Ihren Bruder hat sie auch schon hergelockt. Christian Bellardi, Kinderarzt, lebt in Kalifornien und nutzt seine Wohnung am Potsdamer Platz als Basis für Berlinbesuche. Ruhig wohnen, im Zentrum der Stadt, das gebe es in Los Angeles nicht, sagt Bellardi. Außerdem müsste er dort das Dreifache an Miete zahlen.

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