Preise statt Krise : Überraschungs-Auszeichnung beim European Film Award

Bei den European Film Awards im Tempodrom siegte Lars von Triers "Melancholia".Überraschend wurde auch Michel Piccoli für sein Lebenswerk geehrt.

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Der große Abwesende. Endzeit-Philosoph Lars von Trier, posiert für seinen Film "Melancholia".Alle Bilder anzeigen
Foto: Christian Geisnaes/Concorde
04.12.2011 21:17Der große Abwesende. Endzeit-Philosoph Lars von Trier, posiert für seinen Film "Melancholia".

Das stand nicht im Programm, das wurde auch nicht geprobt. Rund ein Drittel der Zeremonie zur Verleihung der European Film Awards im Tempodrom lag bereits hinter den Gästen, die ersten Komikkanonaden von Anke Engelke waren abgefeuert, die ersten Preise überreicht, eine unterhaltsame Show alles in allem, und manch einer dachte wohl schon, das würde nun bis zum Ende so weitergehen. Aber nein: „Surprise, Surprise!“ Volker Schlöndorff und Bruno Ganz betraten die Bühne – und hatten einen weiteren Preis in peto, von dem außer einem verschworenen Kreis niemand wusste: Sonderehrung für Michel Piccoli.

Als die European Film Academy erfahren habe, dass Piccoli – nominiert für die Titelrolle in „Habemus Papam“ – tatsächlich komme, habe man sich spontan dazu entschlossen, teilte Schlöndorff der Samstagabend im Betonzelt am Anhalter Bahnhof versammelten Runde mit und löste erste Standing Ovations aus. Sie hatten in der Luft gelegen: Schon bei der Begrüßung hatte Piccoli Extraapplaus geerntet.

Doch auch ohne diese Überraschung hatte sich ein gelungener, mal amüsanter, mal begeisternder, dann wieder geradezu erbaulicher Abend schon früh angedeutet. Besonders am Anfang war viel von europäischer Identität die Rede, die sich eben nicht auf Euro- und Finanzkrise erstrecke, ja, die ihren wahren Kern eigentlich in der Kultur im Allgemeinen und im Film im Speziellen finde. Besonders Staatsminister Bernd Neumann hielt das Banner Europas wacker in die Höhe, Schlöndorff nicht minder – da war es schon eine willkommene Abwechslung, als Anke Engelke endlich die Bühne betrat, im Hochzeitskleid, das ihre Bewegungsfreiheit aber doch ein wenig beengte und bald durch ein blumiges, schulterfreies Kunstwerk abgelöst wurde.

Solch ein Filmpreis hat ja naturgegeben gewisse Regeln, eine Standarddramaturgie, um die man nur schwer herumkommt: Preisträger müssen vorgestellt, Filme kurz angespielt werden, ein Laudator findet lobende Worte, zieht dann das entscheidende Kärtchen aus dem Umschlag. Aber es sind Varianten denkbar, und davon hat es gestern eine Menge gegeben. Etwa der erste Auftritt Anke Engelkes („Anke – wie danke“) mit der Balkanbeat-Truppe Shantel und der Bucovina Club Orkestar, sie eben mit Hochzeitsdress und einer Art Wünschelrute, mit der sie einige der Hauptfiguren im Saal ortete.

Auch kann man einen nominierten Film wie „The Artist“, dieser Hommage an die große Zeit des Stummfilms, einfach routiniert anmoderieren – oder aber man spielt eine kleine Szene vor, einen stummen Zickenkrieg zwischen Anke Engelke und Heike Makatsch, unten auf der Bühne leibhaftig, oben auf der Leinwand mit den Dialogzeilen, wie auf der Kintoppzeit gewohnt. Aber es steigerte sich noch, denn als Heike Makatsch endlich mit der Lobeshymne loslegte, kam ihr auch noch ein Hund dazwischen, angeblich derselbe wie im Film, nun ja.

Das hat es so sicher noch nie gegeben, und es war wohl auch das erste Mal in der Geschichte des Europäischen Filmpreises, dass sich eine 007-Szene in die präsentierten Filmschnipsel einschmuggeln konnte. Durchaus mit Recht, schließlich war sein Auftritt als Bonds Gegner in „Casino Royale“ für Mads Mikkelsen der internationale Durchbruch. Der Däne, geehrt für die Verdienste um den europäischen Film, heimste die zweiten Standing Ovations des Abends ein, seine Danksagungen waren auch am umfassendsten. Da er fürs Lebenswerk geehrt wurde, fühlte er sich verpflichtet, jedem daran Beteiligten pauschal zu danken. Und im übrigen sei die European Film Academy die beste der Welt.

Die vergab dann den Preis für den besten Film – der Zeitplan war dann doch etwas aus den Fugen geraten – an „Melancholia“ von Lars von Trier. Der reisescheue Meister selbst war nicht gekommen, und so musste seine Frau die silberne Statuette entgegennehmen, bevor es für alle zur Aftershow-Party ins Hotel Concorde ging (Weiteres in der morgigen Ausgabe).

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