Premierenfeier : Wuschelrock

Mischa-Sarim Vérollet ist gefeierter Slam-Poet. Diesen Donnerstag liest er aus seinem Debütroman.

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Foto: promo

Er redet im Schlaf. Dabei würde er viel lieber Gitarre spielen können wie Slash von Guns N’ Roses vor dieser einen weißen Kirche im Video zu „November Rain“. Man braucht schon ein Faible für Popkultur, um alle Pointen und Anspielungen in diesem Buch zu begreifen. Am besten sollte man in den Neunzigern aufgewachsen sein. So wie Mischa-Sarim Vérollet, der Autor.

Doch, der Mann heißt wirklich so. Und obwohl „Warum ich Angst vor Frauen habe“ (Carlsen, 224 Seiten, 14,90 Euro) sein Romandebüt ist, kann sich Vérollet mit seinen 28 Jahren bereits über eine erstaunliche Fangemeinde freuen. Seit 2004 nimmt er regelmäßig und deutschlandweit an Poetry Slams teil, den Dichterwettstreiten, bei denen jeder auf die Bühne darf, der genug Mut besitzt, sich hinterher von einer oft krawalligen Publikums-Jury bewerten zu lassen. In Berlin ist er auch manchmal bei der „Lesedüne“ oder der „Chaussee der Enthusiasten“ zu Gast. Jetzt also sein erster Roman. „Axel Schulz Roadkill“ solle der heißen, hat Vérollet Anfang des Jahres getwittert, aber das war bloß ein Scherz. „Warum ich Angst vor Frauen habe“ fasst auch besser zusammen, worum es in diesem Buch geht: eine Coming-of-Age-Geschichte, die alle Verunsicherungen des Erwachsenwerdens so zuspitzt und überhöht, dass man trotz des schwarzen Humors ständig Fixpunkte seiner eigenen Pubertät wiedererkennt. Meistens ist das komisch, manchmal unfassbar komisch. „Sie sah, wenn man die Augen verengte, ein bisschen aus wie Gudrun Ensslin, was mich furchtbar anmachte ...“, schreibt der Ich-Erzähler über das Mädchen in seiner Parallelklasse. Dabei sprudelt der Autor fast über vor schrägen Ideen, da wird in Morse-Codes geschnarcht und dem Bruder der Kopf rasiert, auf dass der wenigstens ein bisschen aussieht wie Tim aus „Tim und Struppi“. Es fällt schwer, dieses Buch nicht ziemlich großartig zu finden.

Geboren ist Vérollet in Gibraltar, damit britischer Staatsbürger, aufgewachsen ist er aber in Ostwestfalen, erst diesen August zog er nach Berlin, um auch „das letzte Klischee zu erfüllen“, wie sein Verlag schreibt, doch eigentlich war einfach Zeit für Neues. Im Grunde macht es sowieso keinen Unterschied, wo er wohnt. Mischa-Sarim Vérollet sitzt ständig im Zug zu seinem nächsten Slam-Auftritt. Mehr als 4000 Euro Umsatz beschert er der Bahn pro Jahr, dafür bekam er das Privileg, in allen DB-Lounges Platz nehmen zu dürfen, da gibt’s kostenlosen Kaffee und saubere Toiletten, sagt er. Seine Reisetasche ist ständig gepackt, die muss er nur nehmen und dann los zum nächsten Bahnhof. Ganz wichtig darin: die Schlafbrille.

Seinen Wuschelkopf trägt er schon seit Jahren so, früher war das manchmal ein Problem, zum Beispiel, als er noch in der Marketingabteilung der Sparkasse Herford gearbeitet hat. Die zwangen ihn, seine Haare nach hinten zu gelen. Auf der Bühne steigert er sich gerne in seine Texte rein, braust auf, dann wirkt er gleich noch mehr wie ein Freak. Okay, ein bisschen sei das vielleicht auch Masche, sagt er.

Vieles im Buch ist autobiografisch, oft aber leicht verfremdet. Etwa das Drama um den Wellensittich, den der Romanheld geschenkt bekommt und direkt ins Herz schließt, bis er ihn eines Tages versehentlich beim Staubsaugen tötet. In Wahrheit hat den sein Bruder auf dem Gewissen, einfach in einer Tür eingequetscht, aber Vérollet wollte ihn nicht bloßstellen, also schrieb er die Geschichte um. Angst vor Frauen hat er auch nicht wirklich, sagt er. Genau genommen seien das sogar seine Lieblingsmenschen.

Beginn ist heute um 20 Uhr im Heimathafen, Karl-Marx-Str. 141 in Neukölln. Karten kosten drei Euro an der Abendkasse.

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