Pro Reli : Religiöser Ost-West-Konflikt

Nicht nur durch die Stadt geht ein Riss, sondern auch durch die Kirchen. Beachtet wurde das kaum. Selbst Bischof Huber sieht keine innerkirchliche Kluft.

Claudia Keller

Nicht nur innerhalb der Stadt an sich, sondern auch innerhalb der Kirchen verläuft ein Riss zwischen West und Ost. In den Ostberliner Bezirken ist es den Kirchen nicht einmal gelungen, die eigenen Mitglieder von ihrem Anliegen zu überzeugen, Religionsunterricht als Pflichtfach in den Schulen zu verankern.

Dompredigerin Petra Zimmermann ahnt, woran das gelegen haben könnte: „Es ist in der Kirche versäumt worden, mit den Pfarrern ins Gespräch zu kommen, die in der ostdeutschen Tradition stehen und für die Religionsunterricht nichts an der Schule zu suchen hat.“ Viele Gemeinden im Ostteil der Stadt hätten sich an der Pro-Reli-Kampagne nicht beteiligt, weil die Pfarrer finden, dass die religiöse Erziehung der Kinder allein die Aufgabe der Kirchen sei. „Was im Westen selbstverständlich ist, dass Religionsunterricht und Schule zusammengehören, das wird von vielen Pfarrern im Osten kritisch beäugt.“ Hier fehle bislang ein Stück Dialog in der Kirche, sagt Zimmermann, das müsse man nachholen.

Wie in den vergangenen Wochen mit abweichenden Meinungen umgegangen wurde, bekam Pfarrer Stephan Frielinghaus von der Französischen Friedrichstadtkirche zu spüren. Nachdem er öffentlich den bestehenden Ethikunterricht verteidigt hatte, bekam er eine Einladung zum „Dialog“ mit dem Bischof: Er wurde zum Dienstgespräch einbestellt. Wie mit Kritik in den eigenen Reihen umgegangen worden sei, habe die evangelische Kirche beschädigt. Er kritisiert nicht, dass die Kirche mehrheitlich die Initiative Pro Reli unterstützt hat. „Desaströs“ findet er aber, dass sich die Kirche „ununterscheidbar gemacht hat mit einer politischen, demagogischen Kampagne“, dass etwa die Pro-Reli-Plakate insinuiert hätten, Berlin werde von einer antifreiheitlichen Volksfront regiert.

Auch der Publizist Jürgen Israel, Mitglied in der Synode der Landeskirche, störte der Wahlkampf. „Dass wir Pro Reli unterstützt haben, war richtig. Das hat auch die überwiegende Mehrheit der Synode so gesehen“, sagt er. „Aber wir hätten im Wahlkampf betonen müssen, dass wir das Thema differenzierter sehen.“ Es habe viele Verletzungen gegeben, jetzt müsse man sich wieder versöhnen.

Ob Bischof Wolfgang Huber in den verbleibenden drei Wochen seiner Amtszeit zu dieser Versöhnung beitragen wird, bezweifeln allerdings viele. Mitte Mai wird ein neuer Bischof gewählt. Am Wahlabend betonte Huber, dass er keine innerkirchliche Kluft sehe. Auch glaube er nicht, dass es noch Diskussionen wegen der Verwendung von Kirchensteuern für die Kampagne geben werde. Dass die Kirchen sich auf das politische Terrain begeben haben, war eben auch sehr stark Hubers Anliegen. Vom Beginn seiner Amtszeit an hatte er klargemacht, dass er für den Religionsunterricht als ordentliches Schulfach kämpfen werde. Doch der Senat war zu keinen Zugeständnissen bereit. Seit einem halben Jahr mobilisierte Huber alle kirchlichen Kräfte, um noch einmal gegen die rot-rote Koalition anzutreten.

Viele glauben, dass mehr als der Bischof der Generalsuperintendent Ralf Meister die Wogen innerhalb der Kirche glätten kann. Meister hatte in den vergangenen Wochen immer wieder dafür plädiert, die Diskussion um Pro Reli nicht zu einer Glaubensfrage zu stilisieren und auch der kircheninternen Kritik einen Platz einzuräumen. „Es gehört zur evangelischen Kirche dazu, dass auch abweichende Meinungen zu Wort kommen können“, sagte Meister zuletzt am Freitagabend auf einer Podiumsdiskussion.

Dass man sich in die politische Konfrontation hineinbegeben habe, sei ein „neuer Weg, der nicht ohne Blessuren abgegangen ist“, sagte Wolfgang Klose, Vorsitzender des Diözesanrates, des obersten katholischen Laiengremiums im Erzbistum. „Insgesamt war es ein fruchtbarer Prozess. Die Konfrontation hat uns gezwungen, uns auch selbst mit unserem Anliegen intensiv auseinanderzusetzen.“

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