Pro & Contra : Nationalelf will nicht zur Fanmeile

Erst die Enttäuschung über das verlorene Halbfinale, und nun müssen viele tausende Fußballfans auch noch darauf verzichten, in Berlin mit der deutschen Mannschaft deren WM-Leistungen zu feiern. Ist das richtig? Diskutieren Sie mit!

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Viva Espana, gern auch in Berlin. Die Fans des neuen Weltmeisters zog es am späten Sonntagabend nach dem WM-Finale auf die Straßen der Stadt - zum Hupen und Fahnenschwenken. Foto: KönigWeitere Bilder anzeigen
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12.07.2010 00:37Viva Espana, gern auch in Berlin. Die Fans des neuen Weltmeisters zog es am späten Sonntagabend nach dem WM-Finale auf die Straßen...

Na klar, mit dem Herz in der Hand wären sie uns allen natürlich willkommen gewesen auf der Berliner Fanmeile. Doch mit dem Verstand im Bauch, also richtig mitfühlend bedacht, verstehe ich die Entscheidung der Nationalmannschaft ganz gut. „Unsere“ Jungs sind in Südafrika eben auch insoweit überraschend erwachsen geworden und wollen nicht nach jeder Pfeife tanzen. Gleich nach dem Spanien-Spiel haben Lahm & Co., mit Trauer und Tränen in den Augen, schon die allerdämlichsten Reporter-Fragen erdulden müssen („Sind Sie jetzt enttäuscht?“). Und nun nehmen sie sich das Recht, nach aller Begeisterung, aber auch nach allem Druck und einem gerade geplatzten Traum mal innezuhalten. Vor vier Jahren war die WM im eigenen Land, da war das nach dem Spiel um den undankbaren 3. Platz noch anders und der Jubel allein in Stuttgart kein Abschluss. Doch der nachgetragene Auftritt vorm Brandenburger Tor hatte schon damals etwas Gezwungenes, und mehr als ein müdes „Geil!“ brachten Ballack und Co. als Botschaft kaum über die Lippen. Nun haben sie uns vier wunderbare Wochen lang spielerisch so viel gegeben und sich auch immerzu bei den Fans bedankt. Dass sie sich diesmal einem schieren Ritual verweigern, ist also kein Hochmut – und wenn diese Mannschaft mit Zukunft 2014 aus Brasilien zurückkehrt, dann landet sie gewiss in Berlin. Also lieber mal vorfreuen! Peter von Becker

Ob die Jungs wissen, was es bedeutet, dass 31,1 Millionen Menschen ihrethalben vor den Fernsehern gesessen haben? Das ist ein Rekord, nebenbei. Ob sie ermessen können, welche Hoffnungen sich mit ihnen verbanden? In Deutschland gibt es ja gerade nicht so viel Anlass zum Jubel oder Stolz. Der Sommer ist heiß, aber die Politik strahlt eine Kälte aus, die frösteln lässt. Wie wär’s, wenn den Millionen Menschen, den ganz normalen, ein echtes Nationalteam das Herz wärmen würde? Mit dem Herz in der Hand, wie die Sportfreunde Stiller sangen, sind wir weit gekommen. Jogis Löwen: Da sind welche, die können gerade Sätze formulieren, manche die Lage analysieren – und darum liegt die Hoffnung nicht so fern, dass sie die Situation doch noch richtig einschätzen. Erstens müssen sie kommen, weil sie Profis sind. Die verdienen Geld durch Tausende, die in die Stadien strömen. Zweitens müssen sie kommen, weil sie Profis sind. Die wissen, wem sie was verdanken, wer sie trägt. 350 000 waren es allein auf der Fanmeile! (Himmel, meine Brust war schon stolzgeschwellt, als ich vor 300 Zuschauern das Trikot der Schulmannschaft, übrigens orange, tragen durfte …) Und wenn die Jungs es nicht wissen, dann muss es ihnen der Trainer sagen. Oder der DFB-Chef. Ein kurzer Lauf an der Siegessäule verlangt nicht viel. Nur ein bisschen Leidenschaft im Bein. Stephan-Andreas Casdorff

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