Stadtleben : Putzen für die Seele

Außer Zimmer kann man bei Ritz-Carlton bald auch Arbeit für den guten Zweck buchen

Katrin Zeug

Wenn mehr als 100 wichtige Manager der Ritz-Carlton-Hotel-Gruppe aus der ganzen Welt zusammen kommen, um einen Garten für die Saison herzurichten, dann unterscheidet sich das nicht großartig von einer Schulklasse bei der Gartenarbeit: Am Anfang ist es extrem laut und extrem lustig. Und dann, wenn jeder seine Aufgabe bekommen hat und angenehm stupide vor sich hinwerkeln kann, wird es unerwartet ruhig und entspannt. Immer die gleiche Pinselbewegung, immer wieder den Rechen über den Boden ziehen, einfach einen Laubsack nach dem anderen wegtragen: Die Gedanken können laufen, wohin sie wollen, und doch hat man am Ende etwas Gutes getan, denn der Garten gehört zum Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin.

Die Frauen und Männer probieren „Voluntourism“ aus – eine Kombination aus „Volunteering“, also Freiwilligenarbeit, und „Tourism“. Seit dem 1. April bietet das Ritz-Carlton seinen Gästen an, außer Zimmern auch gute Taten zu buchen: beispielsweise Schildkröteneier retten im mexikanischen Cancun, in Peking beim Bau einer Kinderbibliothek helfen oder Bäume pflanzen auf Jamaica. 50 bis 100 Dollar kostet ein halber Tag Arbeit – und viele „unvergessliche und bereichernde Momente“, wie Simon F. Cooper, der Präsident der Hotelgruppe für das Angebot wirbt. Engagement leicht gemacht, auch für Manager auf der Durchreise.

André Habisch, Professor für Sozialethik an der Universität Eichstätt, nennt das einen „Sozialquicky“. Das Ehrenamt ändere sich in seiner Struktur, wie es die Arbeitswelt tut. „Die Menschen arbeiten projektorientiert. Wenn sie helfen wollen, dann auch das mit Ausstiegsmöglichkeiten. Kaum einer möchte sich noch dauerhaft an eine Organisation oder Gemeinde binden“, sagt Habisch. Aber nicht nur die Liebe zum Menschen oder zur Natur treibe an zu guten Taten – es ist vor allem die Suche nach Selbsterfahrung und Horizonterweiterung. „Viele Reisende haben schon alles gesehen, die sind müde vom Besichtigen, die wollen Authentizität. Die einen gehen pilgern, die anderen gehen helfen“, sagt Tourismus-Professor Harald Pechlaner. „Voluntourism“ bietet die Möglichkeit, sich selbst zu helfen – und gleichzeitig anderen. „Gerade Menschen, die viel Geld in der Wirtschaft verdient haben, ahnen vielleicht, dass sie damit anderen geschadet haben. Mit einem Hilfseinsatz wollen sie etwas zurückgeben“, sagt Pechlaner.

Den Bedürfnissen der Freiwilligen geht nicht nur das Ritz-Carlton nach. Im Internet gibt es eine Reihe von Angeboten. So kann man beispielsweise eine zweiwöchige Reise zu Tsunamiopfern buchen – Spaß und Spiel mit Einheimischen inklusive – für gut 1000 Euro.

„Anderssein, Neues kennen lernen, das ist viel wert. Man selbst hat eigentlich am meisten von so einem Arbeitseinsatz“, sagt einer der Manager, während er ein Beet bearbeitet. An anderen Tagen hat der Verkaufsdirektors der Istanbuler Dependance ganz andere Sorgen: „Marktführer zu sein und die beste Bilanz zu haben“ – heute möchte er nur ein paar Quadratmeter Erde säubern. „Das befriedigt auf eine andere Art, das holt einen auf den Boden zurück, das tut gut.“ Katrin Zeug

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