Stadtleben : Quadriga mit Königin

Ausgezeichnet für Mut und Visionen: Die Werkstatt Deutschland ehrte Persönlichkeiten

Elisabeth Binder

Die Anfänge dieses neuen Deutschlands, das am 9. November 1989 seinen Ausgang nahm, flimmern zum Solo des Drummers Andy Newmark über einen großen Bildschirm in den Saal der Komischen Oper: Die Grenzen öffnen sich, die Menschen erobern die Berliner Mauer. Aus Anlass der Verleihung der „Quadriga“, mit dem der Verein „Werkstatt Deutschland“ alljährlich zum 3. Oktober Persönlichkeiten auszeichnet, die sich Visionen, Mut und Verantwortung verpflichtet fühlen, kann man schauen, welchen alten Tugendklischees Deutschland noch entspricht. Pünktlich ist es nicht mehr, am Anfang klaffen noch etliche Lücken wegen der weitläufigen Absperrungen. Trotzdem sind erstaunlich viele prominente Gäste zusammengekommen: Walter Scheel, Ann-Katrin Bauknecht, Jette Joop, Gesine Schwan und der russische Botschafter Vladimir Kotenev.

Die Nationalhymne wird inzwischen geradezu elegant absolviert. Rot-grünes Polit-Kuscheln am Anfang wird von konservativen Gästen später kritisch kommentiert. Gerhard Schröder verspricht seinem Laudator Kurt Beck die Treue, und Joschka Fischer bescheinigt in seiner Lobrede auf den „Spiegel“ als Institution der Republik der Jury „Weisheit“.

Der internationale Teil mit seiner akribisch inszenierten Weltoffenheit beweist, dass Gründlichkeit nach wie vor zu den deutschen Tugenden zählt.

Hand in Hand betreten Aicha El-Wafi, deren Sohn wegen Vorbereitung des Anschlags vom 11. September in Haft sitzt und Phyllis Rodriguez, deren Sohn im World Trade Center getötet wurde, die Bühne. Der Präsident von Ost-Timor hält die Lobrede, erzählt von den Leiden seiner eigenen, unversöhnlichen Mutter unter japanischer Besetzung. Die Amerikanerin kämpft mit den Tränen, als sie von der lebensverändernden Erfahrung dieser viele Grenzen überschreitenden Freundschaft spricht. Die lustige „Little Polka“ im Anschluss an diesen bewegenden Auftritt wirkt fast deplatziert.

Königin Silvia von Schweden ist die letzte Preisträgerin, und ihr Laudator, der französische Außenminister Bernard Kouchner, lässt seiner Bewunderung für des eindrucksvolle Engagement der Königin für verlassene, misshandelte und missbrauchte Kinder freien Lauf: „Sie verkörpern Hoffnung!“ Auch Viktor Juschtschenko, der Präsident der Ukraine, gratulierte der Königin, die in seiner Heimat gleich mehrere Kinderprojekte unterstützt, darunter das von der Berlinerin Barbara Monheim initiierte. Dieser Preis helfe, dass auch in Deutschland immer mehr Kinder eine lebenswerte Zukunft haben, sagte die Königin. Bis 2008 hat sich Vattenfall verpflichtet, die Quadriga finanziell zu fördern. Vorstandssprecher Hans-Jürgen Cramer unterstreicht, wie wichtig es für sein Unternehmen sei, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.

Nachdem Bryan Ferry mit „Let’s Stick Together“ alle Treue- und Solidaritätsbekundungen musikalisch besiegelt hat, zeigt sich beim anschließenden Empfang, dass Genuss in einer praktischen und effizienten Variante dem deutschen Nationalcharakter durchaus entspricht. Die Gäste bekommen klarsichtige Snackboxen mit Fleischmedaillons, Käsesticks, Pudding und eingebauten Plastikgabeln. Fast wie im Flugzeug. Nur mit mehr Ellbogenfreiheit. Elisabeth Binder

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