Stadtleben : Rackern für den Luxusrutsch

15 000 Rosen, 400 Kilo Eiswürfel, 600 Helfer: Zum ersten Mal laden Staatsoper und Hotel de Rome gemeinsam zum exklusiven Silvesterball

katja Reimann

Sebastian Schwericke steht auf der großen Bühne und dreht nervös seinen Schlüsselbund um den Finger. Der 29- Jährige ist der Assistent des technischen Leiters der Staatsoper, und seit einer Woche hat er nachts meistens nicht geschlafen, sondern gearbeitet. Und wenn er jetzt eines nicht hat, dann ist das Zeit für lange Erklärungen. In der Silvesternacht soll er gemeinsam mit rund 80 Helfern die Bühne der Staatsoper innerhalb von zwei Stunden in eine 200 Quadratmeter große Tanzfläche verwandeln. Der Orchestergraben wird überbaut, die Musiker werden in die Zuschauerränge umgesiedelt. „Hier schrauben wir Stützen ein, darauf kommen Schienen und auf die schließlich das Parkett“, sagt Schwericke und zeigt vor sich auf die unterschiedlich hohen Podien der Bühne. Wenn er das erklärt, hört es sich ganz simpel an. Schaut man in sein müdes Gesicht, weiß man: Das ist es nicht.

Am Montagabend laden die Staatsoper Unter den Linden und das benachbarte Hotel de Rome zum gemeinsamen großen Silvesterball, nein, zu „Berlins glamourösestem Silvesterball“. Der soll, wenn möglich, schnell zur neuen hauptstädtischen Institution werden. Etwa 1400 Gäste werden erwartet, unter ihnen auch viele Politiker und Showprominenz. Namen wollen die Veranstalter nicht nennen. Außer einem: Angela Merkel kommt, so viel ist sicher. Die Vorbereitungen für den Ball sind riesig – und laufen in beiden Häusern bereits seit Monaten. Schon im Juni wurden die ersten Karten verkauft. Sie sind nicht billig.

860 Euro kosten die Tickets der teuersten Kategorie. Wer eine solche besitzt, hat nicht nur die besten Plätze für das Silvesterkonzert der Staatskapelle unter Daniel Barenboim, sondern darf auch anschließend im Apollo-Saal der Oper zum Fünf-Gänge-Menü Platz nehmen. In der Konditorei der Oper, im Untergeschoss, wird eigens dafür eine mobile Küche aufgebaut.

Nach der Aufführung von Beethovens neunter Sinfonie, etwa um 21 Uhr, fällt für das Technikerteam um Sebastian Schwericke der Startschuss zum Umbau der Bühne. Spätestens um 23 Uhr müssen sie damit fertig sein, denn dann beginnt der große Ball in der Oper. Daniel Barenboim dirigiert, es gibt Walzer und Polka, nach Mitternacht übernimmt das Filmorchester Babelsberg.

Nur 212 Gäste besitzen die teuersten Karten des Abends, viele haben Tickets der zweiten oder der dritten Kategorie gekauft, die kosten bloß schlappe 580 Euro beziehungsweise 460 Euro. Diese Gäste werden nach dem Konzert durch einen eigens errichteten, 26 Meter langen Plexiglastunnel zum Nebeneingang des Hotel de Rome geschleust – dort warten ein Buffet, diverse Champagnerbars und noch mehr Livemusik.

Wer nicht so viel Geld ausgeben möchte, kann trotzdem dabei sein – zumindest kurz. Die Sparversion ist ein einfaches Konzertticket für 60 Euro. Zutritt zu den Champagnerpartys hat man damit nicht, doch immerhin kann man sich das luxuriöse Spektakel im Konzertsaal aus der Nähe ansehen. Eine Handvoll dieser Karten ist noch zu haben (Telefon 20 35 45 55). Oder man schaut sich das Ganze zu Hause vor dem Fernseher an. Ein halbes Dutzend Fernsehteams wird vor Ort sein, das Event soll weltweit übertragen werden. Auch der RBB berichtet, zwischen 19.30 und 0.30 Uhr schaltet er immer wieder live zur Gala.

Im Ballsaal des Hotel de Rome, im Palm Court, stapeln sich am Freitag schon Kisten voller Gläser und Geschirr. Während sich das Team um Sabine Turner, 38, Marketingdirektorin der Staatsoper, um die Organisation von Konzert und Ball kümmert, übernimmt das Hotel de Rome die Verpflegung. Gastronomiemanagerin Stephanie Schmidt steht neben dem Berg von Kisten: „Es sind 2500 Weingläser, 700 Martinigläser, 2500 Longdrinkgläser und 350 Caipirinhagläser“, sagt sie. „Hier sind die Espressotassen, dort die Löffel, hier die Schälchen für Crème brulée.“ Schmidt kümmert sich um Speisen, Getränke, Geschirr, Kühltruhen und alles, was bei der großen Party sonst noch benötigt wird. Die rund 6000 Gläser und das Geschirr in den Kisten hat sich das Hotel ausgeliehen.

Den Inhalt des Kühlraumes kennt Schmidt schon wenige Tage vor Silvester bis auf die letzte Ecke auswendig. 600 Magnumflaschen Champagner und 5000 Flaschen Wein stehen dort. 400 Kilo Eiswürfel werden in der Nacht zum 1. Januar die Getränke der Gäste kühlen.

„Die Idee zur gemeinsamen Silvesterparty kam ursprünglich von Daniel Barenboim selbst“, sagt Sabine Turner. „Er wollte so gerne wieder einen großen Silvesterball.“ Noch bis 2001 hatte die Staatsoper jährlich einen solchen Ball veranstaltet. Irgendwann, so Turner, seien die Räume der Oper jedoch einfach zu klein gewesen, viele elegant gekleidete Gäste hätten die Teller mit Essen gar auf den Knien balanciert. Der Ball wurde also abgeschafft. Nach der Eröffnung des Hotel de Rome 2006 erschien die Zusammenarbeit der beiden Häuser ideal. Auch Sir Rocco Forte, Betreiber des Hotels, feiert morgen Abend mit und speist im Apollo-Saal der Oper.

Dass die Gerichte für das Fünf-Gänge- Menü und für das Buffet rechtzeitig auf den Tischen stehen, dafür sorgt Küchenchef Raffaele Cesare Cannizzaro, 41. Die Rezepte des Abends stammen alle von ihm selbst, sein 40-köpfiges Küchenteam hat er gut vorbereitet. Seit fünf Tagen ist Cannizzaro nun im Dauerstress. Das cremige Minestrone-Gemüse etwa muss bereits Tage vorher zubereitet und eingeweckt sein. Erst so erhält es beim erneuten Aufwärmen einen intensiven Geschmack. „Man sollte vor so einem großen Abend gesunden Respekt haben“, sagt Cannizzaro und gibt zu: „Ich bin ein bisschen nervös.“

Sabine Turner von der Staatsoper hat sich die letzten Tage vor der großen Feier für „Kleinigkeiten“ freigehalten. Probleme, die plötzlich auftauchen, Dinge, die schnell noch geregelt werden müssen. Es gibt so viele davon. Noch heute werden 15 000 champagnerfarbene Marusharosen aus den Niederlanden angeliefert und in beiden Häusern verteilt. Am Silvesterabend ist Turner für so ziemlich alles verantwortlich: für die Feuerwehrleute, die unter der großen Bühne der Oper patrouillieren und für die Installateure, die bereitstehen, falls eine Toilette verstopft. Zum Ballkleid trägt sie Walkie-Talkie und Kopfhörer. Insgesamt arbeiten 600 Angestellte – die Musiker inbegriffen – an diesem Abend in Hotel und Oper. Für sie gibt es ein eigenes Buffet im Casino der Oper. Ob ihnen bei all dem illustren Service überhaupt Zeit zum Essen bleibt? Wer weiß.

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