Rap City Berlin : Atzen des Bösen

Berliner Hip-Hop-Szene, mal nachdenklich, mal lustig, mal aggressiv. Gut 50 kleine Untergrundlabels mit 150 Musikern stellen sich in kurzen Spots vor – im siebenstündigen Dokumentarfilm "Rap City Berlin".

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Rap City
Da haste Töne. Es wird auf Häuserdächern gerappt. (Mach One) -Screenshot

BerlinSido wird irgendwo auf einer Baustelle gefilmt und muss ständig grinsen. Ja, ja, im letzten Dokumentarfilm „Rap-City Berlin I“ hatte er – 24 Jahre alt und krasser Pöbelrapper aus dem Märkischen Viertel („Mein Block“) – noch getönt, dass er mit Yvonne Catterfeld Sex haben wolle. Er hat das sehr viel drastischer formuliert. Und weil genau das so albern-prollig rüberkam, muss auch er heute über seinen Auftritt lachen. Drei Jahre später.

Sido ist mittlerweile 27, er hat eine feste Freundin, sein bürgerlicher Name ist bekannt (Paul Würdig) und im Märkischen Viertel wohnt er auch nicht mehr. Aber Sido rappt, erfolgreich sogar. Deshalb ist er der Star auf der neuen Dokumentation „Rap City Berlin II“, die gestern im Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz in Mitte präsentiert wurde.

Worum es darin geht: Klar, um die Berliner Hip-Hop-Szene, mal nachdenklich, mal lustig, mal aggressiv. Gut 50 kleine Untergrundlabels mit 150 Musikern stellen sich in kurzen und scharf geschnittenen Spots vor, von Spandau bis Köpenick, von Lichtenberg bis Zehlendorf. Sieben Stunden Jugendkultur.

Alle präsentieren sich, wie sie wollen

In der Szene war „Rap-City Berlin I“ unglaublich erfolgreich: Aus einem Szenefilm über die Jugendkultur mit dem Schmuddelimage wurde ein Standardwerk, „eine Enzyklopädie des Hip-Hops“, wie es Kameramann Jacob Erlenmeyer, 30, nennt. Die erste DVD wurde fast 25 000 Mal verkauft. Und das in einer Szene, die nicht nur gut stänkern kann, sondern ständig Raubkopien brennt.

Im Hip-Hop-Dokumentarfilm prasseln nicht automatisiert Klischees nieder, jeder Rapper präsentiert sich so, wie er will. Und weil auf einmal normale Jungs und Mädchen zu sehen sind, die lachen und sich auch selbst veralbern können, wirkt so manch’ heftiger Reim nicht mehr ganz so schlimm.

So richtig ernst nehmen sich die Rapper ja selbst nicht. Da lässt sich einer fröhlich mit Steffen Jacob filmen, Kiezgröße vom Stuttgarter Platz und Chef der „Bon Bon Bar“. „Ich bin der Prinz“, sagt Jacob und muss selber über seinen Auftritt lachen. Fehlt nur noch ein kerniges: „Yo!“

Das Ghetto-Gequatsche ist bald kein Thema mehr

Und so zeigen sich die Musiker mal in der Sonne plaudernd am Kreuzberger Engelbecken, mal vor bunten Graffiti oder prollig im Luxus-Auto Hummer. Ein anderer erzählt von seinem Job als BVG-Kontrolleur („Das war härter als der Krieg im Kosovo, da war ich Soldat. Aber Magengeschwüre bekam ich erst durch den Job bei der BVG“). Der relativ bekannte Untergrundrapper „Mach One“ hingegen ist mit dem Kamerateam nach Gransee gereist und in ein Flugzeug gestiegen. Während des Interviews hüpft er gut gelaunt hinaus. Mach One ist Fallschirmspringer. So viel zu den Ghettogangsterklischees.

„Der Hip-Hop in Berlin hat sich verändert“, sagt Stephan von Gumpert, 29, einer der Macher. Er betreibt sein Label „Mantikor“ in einem Hinterhof am Kleistpark, hat auf dem Anna-Freud-Gymnasium Abitur gemacht und dann eine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann, „schön IHK geprüft!“. Das Ghetto-Gequatsche und permanent-platte Niedermachen sei als Thema langsam durch, alles ist gesagt, jeder wurde beleidigt, „jetzt kommt wieder eine neue Phase“, sagt er. Mehr Melodie, neue Beats, reflektierte Texte, das sei der neue Hip-Hop-Style. Die Szene sei sich zudem auch „nicht mehr so spinnefeind“, meint er. Die erste Doku habe daran einen gewissen Anteil.

Heute um 19 Uhr ist der Film noch mal im Babylon zu sehen (Eintritt: 6 Euro); am 16. Mai kommt dann die DVD „Rap City Berlin II“ in den Handel. An jenem Abend trifft sich die Hip-Hop-Szene im Columbiaclub am Flughafen Tempelhof. Dann treten Berliner Hip-Hop-Größen wie Spezializtz, Prinz Pi, Joe Rilla und K.I.Z. auf.

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