Raubkunst : Biografin der Bilder

Wo kommt etwas her? Wo ist es geblieben? Nina Senger forscht nach, was aus verschwundenen Gemälden geworden ist. Zum Beispiel aus denjenigen, die Juden von den Nazis geraubt wurden. Eine Spurensuche, die Geduld und Akribie erfordert. Und manchmal ist sie zum Verzweifeln.

Kerstin Decker
Nina Senger
Beruf Sucherin. Offizieller Titel Provenienzforscherin. Nina Senger in der Raubkunstausstellung des Jüdischen Museums, Berlin. -Foto: Mike Wolff

Am 14. Mai 1940, vier Tage nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in den Niederlanden, ging einer der größten europäischen Kunsthändler mit Frau und Kind an Bord eines der letzten Schiffe, die Holland verlassen konnten: Jacques Goudstikker, berühmt für seine Sammlung alter Meister. Zwei andere Kunstsammler, die ihrerseits – jeder für sich – Anspruch auf den Titel des größten und bedeutendsten Sammlers alter Meister erhoben, neideten ihm längst den Rang: Hermann Göring und Adolf Hitler. Goudstikker hat den rettenden britischen Boden nie erreicht. Er stürzte während der Überfahrt in eine offene Deckluke und brach sich das Genick.

„Die Goudstikker-Sammlung brachte Reichsmarschall Göring unter seine Kontrolle, rund 1400 Gemälde, Zeichnungen, Grafiken“, sagt die Berlinerin Nina Senger. Sie hat einen Beruf, den es bis vor kurzem nicht gab. Zumindest nicht im öffentlichen Bewusstsein. Manche nennen sie Kunstdetektivin, aber bei dem Wort sammelt sich etwas wie Abwehr in den feinen Zügen ihres schönen Gesichts. So will sie nicht genannt werden. Auf ihrer Visitenkarte steht „Kunsthistorikerin. Provenance Research“. Provenance Research – Nachschauen also, wo etwas herkommt. Und wo es geblieben ist. Nina Senger erforscht die Biografie der Bilder.

Neben ihrem Charlottenburger Schreibtisch hängen Reproduktionen von Goudstikker-Bildern, gleich das erste ist ein Cranach: Adam und Eva mit Apfelbaum und Schlange. Beide halten den Apfel schon in der Hand, jeder seinen. Aber noch haben sie nicht von ihm gegessen. Die Welt im Ewigkeitsaugenblick vor dem Biss. Vor dem Sündenfall. Cranach war Görings Lieblingsmaler.

Adam und Eva, weiß Nina Senger, schauten bald von der Wand in Carinhall, Görings Jagdschloss in der Schorfheide. Zwei Sinnbilder der Unschuld, nun stumme Zeugen des größten Sündenfalls der Geschichte. Wenn es einen Schöpfergott gab, der beide geschaffen hatte – hätte er nicht spätestens jetzt seine Schöpfung widerrufen müssen?

Georg Heuberger von der Claims Conference, der Dachorganisation der jüdischen Opferverbände, hat das starke – das gewiss zu starke – Wort von einer „zweiten Schuld“ geprägt. Es fasst die Empörung darüber zusammen, dass die Nachkriegsbittgänge der jüdischen Besitzer um ihr geraubtes Eigentum so oft vergeblich blieben, zu neuen Demütigungen wurden. „Adam und Eva“, entstanden um 1530, sind bis heute nicht in den Besitz der Goudstikker-Familie zurückgekehrt.

Vor über zehn Jahren – es war ein Sonntagmorgen – rief ein Unbekannter die Schwiegertochter von Goudstikker in Amerika an und hatte im Grunde nur eine Frage: „Wissen Sie eigentlich, dass Sie Erben einer riesigen Kunstsammlung sind?“

Was sollte Marei von Saher antworten? In der Familie war nie mehr über die Sammlung gesprochen worden, nachdem Goudstikkers Witwe nach dem Krieg in die Niederlande zurückgekehrt war und vergeblich um ihr Eigentum gekämpft hatte. Dabei bekannten sich auch die Niederlande zur Londoner Erklärung von 1943, nach der alle von und mit den Nationalsozialisten getätigten Geschäfte für null und nichtig galten. Ja, Göring hatte für die Sammlung bezahlt – einen Spottpreis. Er war seinem Sammlerkonkurrenten, dem früheren Maler Adolf Hitler, zuvorgekommen. Desirée Goudstikker hatte dem Zwangsverkauf aus dem Exil vergeblich widersprochen. Ebenso vergeblich suchte sie nun der niederländischen Regierung zu beweisen, dass der Verkauf ein Zwangsverkauf gewesen ist. Seitdem herrschte Familienschweigen über das Verlorene.

Der Fall Goudstikker ist nur einer unter vielen.

Der Baron Mór Lipót Herzog war ein großer jüdischer Kunstsammler aus Ungarn. Seine Bilder sind jetzt über die öffentlichen und privaten Galerien der Welt verteilt, viele hängen im Szepmüvészeti-Museum von Budapest. Aber da gehören sie nicht hin, findet die Familie Herzog, nicht in dieser grundfalschen Selbstverständlichkeit.

Bis vor zehn Jahren wäre das nicht viel mehr als ein Spezialfall von Unbelehrbarkeit gewesen, ein vergeblicher Misstrauensantrag gegen die normative Kraft des Faktischen.

Aber selbst die kann man ändern. Eine internationale Konferenz vor genau zehn Jahren hat es bewiesen. 1998 unterzeichneten 44 Länder die Washingtoner Erklärung und verpflichteten sich damit, die Herkunft der Bestände ihrer Museen zu prüfen und Kunstwerke gegebenenfalls an ihre vormaligen Besitzer oder deren Erben zurückzugeben.

Im selben Jahr hatte Goudstikkers Schwiegertochter, ermutigt durch den „Wissen Sie eigentlich …“-Anruf des Journalisten Pieter den Hollander, wiederum beim niederländischen Staat auf Rückgabe der Bilder geklagt. Wieder wurde die Klage abgelehnt.

Eben erst trafen sich Experten in Berlin zu einer Nach-Washington-Konferenz. Was ist in den letzten zehn Jahren passiert? Nicht viel in Sachen Herzog. Sehr viel in Sachen Goudstikker.

Nina Senger kennt sich mit beiden aus. Denn es genügt keinesfalls, zu sagen: Ich will meine Bilder zurück! Man muss auch beweisen können, dass sie einem gehörten, bei jedem neu: dieses und genau dieses Bild. Auch sollte sein Lebenslauf möglichst vollständig sein. Natürlich, die Herzogs besaßen Goyas, El Grecos, Courots, Courbets, französische Impressionisten. Was sich beweistauglich erhalten hat, ist meist sehr wenig. Ein paar Transportlisten. Versicherungslisten. Fotos.

Im Fall Jacques Goudstikkers war das anders. „In seiner Jackentasche trug er ein kleines schwarzes Ringbuch mit Ledereinband“, sagt Nina Senger, und ein leiser Triumph steht in ihrem Gesicht. Denn etwas Besseres kann einer Bilderbiografin gar nicht passieren. In das kleine schwarze Buch hatte Goudstikker alle Kunstwerke eingetragen, mit Inventarnummer, Maler, Titel, Entstehungsjahr und Maßen. Nina Senger weiß, wo Cranachs „Adam und Eva“ sind: im Norton-Simon-Museum von Pasadena, Kalifornien. Doch das Museum ist nicht bereit, Adam und Eva wieder herzugeben. Es habe das Bild guten Glaubens erworben.

Auf Nina Sengers großem roten Schreibtisch herrscht irritierende Ordnung, aber das muss wohl so sein, wenn das ureigenste Arbeitsgebiet die Unordnung der Welt ist, die Kunstunordnung der Welt.

Natürlich weiß sie, dass sie nicht immer so viel Glück haben kann wie bei Degas’ Tänzerinnen. Obwohl sie auch da sofort diesen Anflug von Panik spürte: Hat Degas eigentlich etwas anderes gemalt, gezeichnet, als Tänzerinnen?

Nicht unbedingt.

Auch Cranach hat das Sündenfallpaar rund 20-mal gemalt. Mal mit Tieren, mal ohne. Mal mit halb erhobener Adam-Apfel-Hand, mal mit gesenkter. Mal mit zum Zweig ausgestrecktem linken Arm, mal ohne. Aber bei „Adam und Eva“ von Pasadena bestand nie ein Zweifel, dass sie Goudstikkers Apfelesser sind. Die Tänzerinnen dagegen musste sie erst einmal finden. Zum ersten Mal ahnt man, wie viele Möglichkeiten der Verzweiflung das Berufsbild des Provinienzforschers in sich birgt.

„Aber“, sagt die Bildersucherin, „im ‚black book‘ stand, dass sie nackt sind. Und noch etwas stand da: Vier! ‚Vier nackte Tänzerinnen‘.“ Das engte den Kreis der Verdächtigen von vornherein ein, „und dann waren fünf der gefundenen Zeichnungen auch noch Hochformate, ich aber suchte ein Querformat“. Sie begegnete ihm in einem Auktionskatalog von 1940, leider ohne Abbildung. Die fand sie schließlich auch, im „Rijksbureau voor kunsthistorische documentatie“, der weltweit größten Sammlung von kunsthistorischem Material in Den Haag. Beides zeigte sie schließlich dem Israel Museum in Jerusalem. Der Degas auf dem Foto glich betrüblich genau dem Degas seiner Ausstellung. Das war ein halbes Jahr Intensivrecherche. Jetzt ist das Israel Museum von Jerusalem um vier nackte Tänzerinnen ärmer.

Ein Museumsdirektor, der seine Bilder gern hergibt, hätte seinen Beruf verfehlt, versteht auch Nina Senger. Aber dass er sich nicht dafür interessiert, woher seine Bilder stammen, versteht sie nicht und sagt mit Strenge: „Die Museen hatten über 50 Jahre Zeit, die Herkunft ihrer Bestände zu prüfen.“

Marei von Saher hat nach ihrer Niederlage von 1998 den deutschen Kunsthistoriker Clemens Toussaint engagiert. Jeder Forscher ist ein Detektiv, und Toussaint ist ein besonders guter. Toussaint wiederum engagierte Nina Senger, die er schon als Studentin kannte. Damals verfolgte sie die Spuren der Avantgarde-Sammlung des Krefelder Seidenfabrikanten Hermann Lange. Da kommst du nicht weit, wurde sie gewarnt. Jetzt erst recht!, dachte Nina Senger. Das muss Toussaint gefallen haben.

Aber wie weit kommt man mit dem „Jetzt erst recht!“? Jeweils bis zum nächsten Hindernis. Es war nicht schwer, herauszufinden, dass „Adam und Eva“ bis 1919 dem Kloster der Dreifaltigkeitskirche in Kiew gehört hatte. Aber wie war es aus Cranachs Werkstatt in Wittenberg nach Kiew gekommen? Nina Senger begann, Bücher über die politische Situation Russlands im 16. Jahrhundert zu lesen und zeitgenössische Reiseberichte. Sie erfuhr, dass Katharina die Große in der Dreifaltigkeitskirche war, blätterte schon schneller die Seiten um: „Einmal dachte ich, auf der nächsten steht: ‚Und ich sah Cranachs Adam und Eva!‘“ Stand da aber nicht. So ist das fast immer.

Ob die orthodoxen Mönche sich sehr erschrocken haben angesichts des lebensgroßen schönen Menschenpaars in seiner strahlenden Nacktheit? Und bis heute weiß niemand, wie „Adam und Eva“ die Dreifaltigkeitskirche von Kiew verlassen haben. Nur dass die Bolschewiken besonders gern Kirchen und Klöster geplündert haben – das weiß man.

Müsste man Adam und Eva nicht eigentlich den Kiewer Mönchen zurückgeben?

Jan van Goyens „Ein Schweinehirt treibt drei Schweine“ hat Nina Senger 2004 auf der Website des Danziger Museums gefunden. Die Polen sind keine guten Zurückgeber, schon weil man ihnen über die Jahrhunderte hinweg so viel gestohlen hat, mitunter sogar das ganze Land. Nina Senger denkt den Fall laut: „Eine amerikanische Staatsbürgerin fordert das Bild eines holländischen Kunsthändlers von einem polnischen Museum zurück, das zur Zeit des Ankaufs zum Deutschen Reich gehörte. Da wird es in der Tat schwierig.“

Wir schauen auf Cranachs „Adam und Eva“ über ihrem roten Schreibtisch, und plötzlich ist klar, was der Mythos vom Sündenfall jenseits allen Glaubens bedeutet: die tiefe Zweideutigkeit der Welt, die Ambivalenz jeder Tat, jeder Entscheidung. Wirkliche Gerechtigkeit ist nicht von dieser Welt. Sonst müsste man viele Bilder gleich ihren Malern zurückgeben. Mitsamt dem Handelswert von heute.

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