Raucherdemo : Ein Zug für die Freiheit

In Berlin demonstrierten mehrere hundert Wirte und ihre Gäste gegen das Rauchverbot. Touristen sind fassungslos bis begeistert. Manche schlossen sich der Demo sogar an.

Sandra Dassler
Raucherdemo
Rauchzeichen: Die Zigarette war neben den Transparenten ein unverzichtbares Utensil. -Foto: Peters

„Ich find’s toll“, sagt eine Touristin aus Stuttgart, und lacht fröhlich: „Das passt total zu Berlin. Ist eben die toleranteste Stadt in Deutschland.“ Mike Schubert hingegen ist fassungslos. Der Texaner steht vor der Russischen Botschaft unter den Linden und quetscht zwischen zwei Schlücken aus der Cola-Dose hervor: „Bei uns wäre das völlig undenkbar, unmöglich – impossible“. Perplex schaut er auf den Demonstrationszug, der an ihm vorbeizieht.

„Rauchverbot macht Kneipen tot“ oder „Weg mit dem Rauchverbot, wir qualmen bis zum Morgenrot“ steht auf den Plakaten. Auch „Unsere Politiker kannste inne Pfeife roochen“ war zu lesen. Aus dem Lautsprecher tönt Schlagermusik: „Wir wollen kein Rauchverbot, wir wollen weiter qualmen wie ein Schlot ...“.

Mehrere hundert Kneipenwirte und viele ihrer Stammkunden haben sich an diesem Nachmittag zu „Berlins größter Raucherdemo“ am Brandenburger Tor getroffen. Sie fordern eine Aufhebung des Rauchverbotes in Einraum- oder Eckkneipen beziehungsweise ein Selbstbestimmungsrecht der Gastronomen. „Ich will kein Hartz IV-Fall werden“, sagt Renate Schumacher vom „Flair“ in Wilmersdorf: „Aber 90 Prozent meiner Gäste sind Raucher und ohne die kann ich zumachen.“

Roswitha Döring betreibt mit ihrem Mann das „Halenseestübl“. Ihre Gäste haben gelbe Luftballons mit rauchenden Smileys bemalt, auch Monika Hey trägt einen. „Ich gehe gern ins Halenseestübl“, sagt sie: „Da sind nette Leute, da kann man entspannen, trinken und rauchen“. Für Monika Hey hat das auch etwas mit Kultur und Lebensart zu tun. Das Rauchverbot in Speiserestaurants und öffentlichen Gebäuden unterstütze sie völlig, aber niemand werde gezwungen, in eine kleine Kneipe zu gehen. „Ich weiß, dass Rauchen schädlich ist“, sagt Hey: „Ich bin seGesundheitswissenschaftlerin an der Charité. Aber ich möchte selbst entscheiden.“

„Heute verteidigen wir die Freiheit, heute schreiben wir Geschichte“, ruft Demo-Organisator Norbert Raeder. Viele Touristen am Rande des fröhlichen Raucherzugs zum Roten Rathaus sehen das offenbar ähnlich: „Was, Ihr habt hier totales Rauchverbot?“, fragt ein Ehepaar aus Wien, das vor dem Hotel Adlon gemütlich ein Bier trinkt. „Das geht zu weit. Das hat nichts mehr mit Freiheit und Demokratie zu tun. Was will der Staat denn noch alles verbieten?“

Vier chinesische Studenten fragen vorsichtig, wofür oder wogegen da demonstriert wird. Als sie erfahren, dass es nicht um Tibet, sondern ums Rauchen geht, schütteln sie die Köpfe. In China darf überall geraucht werden, sagen sie. Junge Engländer auf Tandems schließen sich dem Zug an, vier Skandinavier mit Bierdosen applaudieren. Italiener und Franzosen winken ab: „Bei uns klappt das auch mit dem Rauchverbot.“

Vielleicht liegt es am schönen Wetter, dass die Demonstranten nur selten beschimpft werden. Vielleicht ist der bunte Zug für viele Touristen auch einfach nur skurril. Mike Schubert aus Texas hört nicht mehr auf zu filmen. Sonst glaube ihm zu Hause niemand, dass sich in old Germany Raucher trauen, für ihre Rechte zu demonstrieren. „Berlin is crazy“, sagt er: „Crazy, but great.“

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