Raum für Künstler : Auf die Perspektive kommt es an

Das ehemalige AEG-Gelände entwickelt sich zum Standort für Kreative. Heute öffnen Ateliers ihre Türen. Die "Dead Chickens" präsentieren ein wahres Gruselkabinett.

Matthias Jekosch
Dead Chicken
Johannes Heiner und Norio Takasugi gehören zur Künstlergruppe "Dead Chicken". -Foto: Kleist-Heinrich

Es ist ein Metall gewordener Alptraum. Dünne Käferbeine hängen an einem unförmigen Körper mit Menschengesicht, daneben steht ein Schaukasten mit künstlichem Hirn drin. Sympathisch wirkt nur der „Zitterritter“: Das blecherne Geschöpf bewegt sich, sobald jemand an ihm vorbeigeht. Im Zitterritter ist ein Sensor eingebaut.

Das ist die Welt der „Dead Chickens“, einer Künstlergruppe, die sich ein stattliches Monsterkabinett aus Robotern geschaffen hat. Sie arbeitet in einem Umfeld, das für manchen Berliner ebenfalls lange als Alptraum galt, zumindest zum Wohnen und Arbeiten: Oberschöneweide – oft verspottet als „Oberschweineöde“. Doch das Viertel im Bezirk Treptow-Köpenick wandelt sich. Die Künstler erobern das zwei Kilometer lange denkmalgeschützte Industrieband, das die AEG Anfang des 20. Jahrhunderts an die Spree baute. Mit der Aktion „Kunst am Spreeknie“ will das Kiezbüro Schöneweide jetzt das kulturelle Leben dort zeigen. Zwei Wochen lang laden Künstler zu Lesungen und Ausstellungen, am heutigen Sonnabend öffnen die meisten Ateliers ihre Türen. Die Dead Chickens zeigen ihre Monster ab 14 Uhr.

„Die Kreativen können eine wichtige Rolle für den Kiez spielen. Sie bringen einen anderen Blick mit“, sagt Lutz Längert vom Kiezbüro. Die Anwohner hat der Wegfall der Industrie nach der Wende stark getroffen. Hohe Arbeitslosigkeit und soziale Probleme waren die Folge. Die Kreativen sollen wieder Perspektive ins Viertel bringen. Schon seit 1997 ist die Karl-Hofer-Gesellschaft vor Ort. Sie vergibt Stipendien an Absolventen der Universität der Künste. Die Gesellschaft öffnet heute von 18 bis 22 Uhr ihre Atelieretage mit Spreeblick.

Im Atelierhaus 79 zeichneten früher die AEG-Ingenieure ihre Skizzen. Im Erdgeschoss war die Kantine untergebracht. Inzwischen malt dort Ursula Heermann-Jensen ihre Bilder. Gute Nachbarschaft zu den Anwohnern ist ihr wichtig. „Viele wissen gar nicht, dass wir hier sind“, sagt Heermann-Jensen. Aber sie hat Werbezettel verteilt und einige haben versprochen, heute vorbeizuschauen. Das Atelierhaus mit seinen über 30 Künstlern lädt ab 14 Uhr zu den „Open Studios“. In den Spreehöfen an der Edisonstraße haben sich ebenfalls viele Künstler niedergelassen. Es ist anarchistischer als das Atelierhaus 79. Von 14 bis 18 Uhr zeigen die Künstler heute ihre Arbeiten in der dritten bis fünften Etage.

Im Herbst 2006 ist die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft an die Wilhelminenhofstraße gezogen, zuerst mit dem Fachbereich Gestaltung. Bis 2009 sollen 6000 Studenten am neuen Standort sein. „Wir haben massives Interesse, uns hier in die Szene einzubringen“, sagt eine Sprecherin der Fachhochschule. Am 18. und 19. Juli zeigt die Hochschule eine Werkschau.

Die Ansiedlung von Künstlern geht weiter. Die Schauhallen Berlin wollen eine Ausstellungshalle für moderne internationale Kunst in den Reinbeckhallen eröffnen. Seit dieser Woche liegt die Baugenehmigung vor. Projektmanager Jürgen Scheper beobachtet erfreut, was sich in der Nachbarschaft tut. „Der Stadtteil wird derart umgekrempelt, der wird nicht wiederzuerkennen sein.“

Kunst am Spreeknie beginnt heute mit einem Tag der offenen Tür von fast allen Ateliers und geht noch bis 19. Juli. Weitere Infos unter www.kiez-sw.de.

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