Stadtleben : Reife Prüfung

Sonja Rasch hat mit 79 ihr Abitur gemacht

Stephanie Walter

Für Sonja Rasch ist der morgige Tag ein ganz besonderer – am CharlotteWolff-Kolleg in Charlottenburg kann die 79-Jährige ihr Abiturzeugnis entgegennehmen. „Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, sagt die Seniorabiturientin. „Das war mit die schönste Zeit meines Lebens. Noch mal lernen zu dürfen und nicht zu müssen – das war so erfrischend.“

Nach der Volksschulzeit in Thüringen machte Sonja Rasch zunächst eine Büroausbildung. Das habe sie aber nicht erfüllt: „Ich habe zusätzlich privat Stenographie gelernt und mir Zehnfingerschreiben beigebracht“, erzählt sie. Nach Abschluss der Ausbildung wurde sie Stenotypistin in der Thüringer Verwaltung, 1959 ging sie nach Berlin – erst in den Ostteil der Stadt, dann in den Westteil – und heiratete dort. Doch damit war ihre Lust am Lernen nicht vorbei. „Als unsere Tochter aus dem Haus war, habe ich an der Volkshochschule Englisch- und Französischkurse besucht.“

Auch beruflich wagte sie sich noch mal auf Neuland. Auf dem zweiten Bildungsweg machte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester im heutigen Benjamin-Franklin-Klinikum. „1978 war ich mit 49 Jahren mit der Ausbildung fertig“, erzählt sie. Mit dem Mauerfall ging sie dann in Rente – und lernte weiter. „Plötzlich hatte ich Lust, das Abi nachzumachen.“ Aber sie wollte auch noch reisen. „Da habe ich einen Fernlehrgang in Hamburg begonnen“, erinnert sie sich. „Aber als mein Mann krank wurde und starb, habe ich das hingeworfen.“

Dass sie es nun doch noch zum Abi gebracht hat, ist mehreren Zufällen zu verdanken. „Ich bin noch gelegentlich im Krankenhaus eingesprungen. Die Stationsschwester hat mir von den Gasthörerangeboten der Unis erzählt.“ Dafür brauchte man kein Abi, also fing Sonja Rasch an: Vier Semester studierte sie an der Freien Universität (FU) Geschichte.

„Ein über 60-jähriger Gasthörer hat mir dort nebenbei erzählt, dass er sein Abi nachgemacht hatte.“ Der Gedanke, ließ sie nicht mehr los. „Ich war immer ganz traurig, dass ich das Fernstudium nicht beendet hatte.“ Sie bewarb sich am Charlotte-Wolff-Kolleg und wurde genommen. Dreieinhalb Jahre Ganztagsschule folgten. „Der Unterricht war ausgezeichnet, aber Freundschaften außerhalb der Schule sind da schon ein bisschen kurz gekommen“, sagt sie. Bereut habe sie den Schritt dennoch nie.

Auch der Altersunterschied zu den Mitschülern, die meisten um die 30, sei kein Problem gewesen: „Ich komme mit jüngeren Menschen manchmal besser aus als mit älteren.“ Ihr Lieblingsfach? „Geschichte. Jetzt konnte ich eigene Erlebnisse beisteuern.“

Ab Herbst zieht es sie wieder an die Uni: Als Gasthörerin will sie Kunstgeschichte an der FU studieren. „Außerdem möchte ich mein Latein vertiefen. Und meinen französischen Literaturkurs an der Volkshochschule setze ich auch fort.“ Vor allem will sich Sonja Rasch aber um ihren Garten kümmern – der ist in letzter Zeit zu kurz gekommen. Stephanie Walter

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