Resozialisierung : Revolutionstheater

Noch immer steht Claus Peymanns Angebot: ein Praktikum für den Ex-RAF-Terroristen Christian Klar am Berliner Ensemble, wenn dieser im Januar 2009 aus der Haft gelassen wird . Einen ähnlichen Fall gab es in Berlin schon einmal - am Grips-Theater.

Bernd Matthies
grips-theater
Der Weg zurück. Schon das Grips-Theater, hier bei einer Wiederaufführung 2004 seines 24 Jahre vorher entstandenen Stückes „Eine...Foto: David Baltzer/Zenit

Terrorismus ist ein hartes Geschäft: Ungeregelte Arbeitszeiten, kein tariflich abgesichertes Gehalt, keine geregelte Berufsausbildung, keine Rentenansprüche. Wer also – wie jetzt Christian Klar – eines Tages aus dem Gefängnis frei kommt, der steht vor dem Nichts und wäre ein Fall für die Fürsorge jener Einrichtung, die er zuvor als „Schweinestaat“ bekämpft hat.

Das gilt in Fachkreisen als psychologisch nur schwer zumutbar. Ex-Terroristen fühlen sich als Helden und Opfer zugleich, vermuten Kriminologen, ihnen drohten stärker als normalen Häftlingen Depressionen auf dem Weg zum Sozialamt. Wohl deshalb haben sich immer wieder prominente Kulturschaffende um tätige Resozialisierung früherer RAF-Terroristen bemüht, allen voran Claus Peymann, heute Intendant des Berliner Ensembles. Wie sehr den großen Theatermann das Schicksal der in den sogenannten bewaffneten Kampf abgedrifteten Kapitalismuskritiker um Andreas Baader und Ulrike Meinhof umtrieb, bewies er schon 1977. Als Chef des Stuttgarter Schauspielhauses sammelte er damals Geld, um der inhaftierten Gudrun Ensslin den Zahnersatz finanzieren zu können.

Seine Karriere in Stuttgart war damit beendet. 1984, inzwischen Intendant in Bochum, setzte er sich für die vorzeitige Entlassung Christoph Wackernagels ein, der wegen Mordversuchs und RAF-Mitgliedschaft in Haft saß; 1986, noch im offenen Vollzug, begann Wackernagel am Bochumer Schauspielhaus als Regieassistent. Heute arbeitet er als Schauspieler und Schriftsteller.

Peymanns Einsatz für Christian Klar begann 2007, als über dessen mögliche Begnadigung debattiert wurde – das scheiterte damals daran, dass Bundespräsident Köhler den Antrag ohne Begründung ablehnte. Vergessen ist nichts, das zeigt sich jetzt an der unbeirrten Entschlossenheit Peymanns, den alten Plan in die Tat umzusetzen und Klar spätestens ab Januar 2009 als Praktikant am Berliner Ensemble zu resozialisieren.

Kritische Journalisten und konservative Politiker fragen gelegentlich, ob man erst einen Mord begehen müsse, um am Berliner Ensemble einen Job zu bekommen. Das geht erkennbar an der Sache vorbei, denn dort arbeiten anscheinend keine weiteren Ex-Kriminellen. Vertreter von Strafgefangenenhilfsorganisationen, die Peymann in den vergangenen Jahren gefragt hatten, ob er nicht auch normalen Mördern oder Räubern bei der Wiedereingliederung nach der Entlassung behilflich sein könne, haben, wie man hört, keine vergleichbare Resonanz gefunden.

Der letzte ähnliche Vorgang liegt bereits über 20 Jahre zurück. RAF-Mitglied Manfred Grashof, der sich anders als Klar vom Terrorismus losgesagt hatte, begann 1987, damals Freigänger, als Techniker am Grips-Theater zu arbeiten, wo er heute gelegentlich auch als Schauspieler auftritt. Großer öffentlicher Wirbel blieb damals aus, weil Grips-Chef Volker Ludwig sich nicht wie Peymann profilieren wollte und darauf verzichtete, diesen Schritt an die große Glocke zu hängen.

Kurzlebigen Ärger gab es dagegen 2005, als im Berliner Abgeordnetenhaus einige Porträtfotos von gefangenen Frauen ausgestellt wurden, die von Eva Haule stammten. Sie saß zu dieser Zeit noch wegen verschiedener RAF-Delikte in Haft und arbeitet heute als Fotografin. Eine weitere Haule-Ausstellung in einer Berliner Galerie blieb weitgehend unbeachtet.

Wie es scheint, ist die Resozialisierung in diesen Fällen gelungen, allerdings längst nicht so elegant wie im Falle des Lorenz-Entführers Till Meyer, der nach seiner Entlassung 1986 von der „tageszeitung“ freundlich aufgenommen wurde und dort zum Redakteur mit dem Spezialgebiet Innenpolitik aufstieg. 1992 flog auf, dass er die Redaktion im Auftrag der Stasi ausspioniert hatte.

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