Stadtleben : Retro als Utopie

Berlin druckfrisch: Das Reisemagazin Merian wirft mal wieder einen Blick auf die Hauptstadt

Die These hat ihren Reiz: Berlin sei nicht „arm, aber sexy“, sondern „sexy, weil arm“. Das behauptet im neuen Berlin-Heft aus dem Merian-Verlag der Autor Hajo Schumacher. Genau: Schumacher war Schreibhand und -hirn des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit, als dieser seine ersten Lebenserinnerung verfassen wollte. Schumacher biegt das Bonmot des Regierenden zur These um, weil sich erklären lässt, warum Berlin auf so viele Leute anziehend und aufregend wirkt: „Die Abwesenheit von protzig vorgetragenem Reichtum schafft ein Klima, das weit weniger von Hochnäsigkeit bestimmt ist als an Rhein, Isar oder Elbe“, schreibt Schumacher.

Schon richtig, man kommt leicht hinein in die Stadt, die bei allem Hauptstadt-Gerede noch immer schön unarrogant geblieben ist. Das neue Merian-Heft fängt dieses Gefühl an vielen Orten ein. Mag sein, dass dem nüchternen, müllgewohnten Berlin-Bewohner manche Fotos ein wenig stilisiert erscheinen – sogar die großen Straßen und die überlaufenen Orte wirken auf unbekannte Weise sauber. Aber so ist das eben mit Heften, die den Leuten Lust machen sollen auf eine Reise nach Berlin.

Das Heft, es ist das zehnte über Berlin, hat diesmal einen Schwerpunkt, die Kultur. In den Jahren zuvor war es eher die Geschichte der Stadt, die Thema wurde – die „ehemalige Reichshauptstadt“ 1949, Berlin-West 1970, „ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Krieges“, wie es damals im Editorial hieß. Zwei Mal schien sich in der Stadt so wenig zu tun, dass die Gedächtniskirche als Titel-Motiv herhalten musste, 1981 und 1989. Dann machte die Politik das Programm, 2001 fand sich die gläserne Reichstagskuppel auf dem Titel, 2005 gülden strahlend das Brandenburger Tor. Jetzt liefert der Verlag das Heft mit drei verschiedenen Titelbildern aus: mit der schönen Nofretete, mit zwei Bären, mit einer Bürste in Form des Brandenburger Tors, farblich dominieren jeweils Rot und Gold.

Dass es in großen Beiträgen um die Museen, die Philharmoniker oder die verborgen-blühende Gartenkunst geht, hat mit dem Tourismus-Boom zu tun. Acht Millionen Übernachtungen im ersten Halbjahr seien es gewesen, schreibt Chefredakteur Andreas Hallaschka – und viele kommen wegen der Museumsinsel, der Ausstellungen, der jungen Kunst. Im Heft werden die Preziosen vorgestellt. Es geht aber auch um ein paar interessante Trends. So haben die Merian-Leute zusammengestellt, was es an mehr oder minder wohlhabenden Sammlern gibt, und sie sagen, wo man die Sammlungen zu sehen bekommen kann.

Man liest mit Freude, wie die Kultur in die Subkultur übergeht. Lesebühnen sind nichts Neues, aber Autor Jörg Schindler hat mit großer Sympathie „die Welt der wilden Dichter“ beschrieben. Schreiben, Lesen, Hören, Überleben in einer Stadt, die wirkt wie „eine sehr große Baustelle im märkischen Sand“. Und die bis über die Traufhöhe voller Geschichten und Geschichte steckt. Seltsam nur, dass ausgerechnet ein kleiner Text über das Hansaviertel mit „Stadt der Utopien“ überschrieben ist. Obwohl: Das Hansaviertel als neuer Kult-, Hip-, Szene- und In-Bezirk, das wäre was ganz Neues. wvb.

Merian Berlin erscheint heute und kostet 7,50 Euro.

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