Retroparty : Der Sound der rosigen Zukunft

Abfeiern wie vor 20 Jahren, als Loveparade und Techno erfunden wurden: Am Sonnabend lädt Dr. Motte zur 89er-Retroparty.

Nana Heymann
loveparade
Friede, Freude, Eierkuchen. So sah das damals aus am Ku'damm und Tauentzien, als die Loveparade anfangs klein und niedlich war und...Foto: d+q

Das Jahr 1989 war für Berlin besonders. Nicht nur, weil im November die Mauer fiel. Im Juli versammelten sich am Ku’damm knapp 150 Menschen, angeführt von einem gewissen Matthias Roeingh, der bald als Dr. Motte bekannt werden sollte. Sie hörten laute, scheppernde Musik, die man wenig später Techno nannte, und demonstrierten für „Friede, Freude, Eierkuchen“.

Es war die Geburtsstunde der Loveparade, der Startschuss für eine neue Jugendkultur. 20 Jahre liegt das nun zurück, und weil das Haus der Kulturen der Welt an diesem Wochenende die Thementage „1989 – Globale Geschichten“ veranstaltet, wird dort Sonnabend auch der Loveparade gedacht.

„Party like it’s 1989“ lautet das Motto des Abends, den Dr. Motte, der Erfinder des Technoumzugs, organisiert. Persönlich anwesend sein wird er nicht, weil er an diesem Tag einen lange geplanten Auflegetermin in Regensburg hat. An die Geburtsstunde der neuen Jugendbewegung will er dennoch erinnern, an die Zeit, als die Zukunft noch vielversprechend und rosig aussah.

„Wir waren damals vier DJs, die Kassetten mit ihrer Lieblingsmusik aufgenommen hatten, denn das war einfacher, als Plattenspieler aufzubauen“, erzählt Dr. Motte. „Diese Kassetten spielten wir dann auf den drei Wagen ab.“ Einer der Pioniere von damals war DJ Jonzon. Ihn hat Motte nun auch ins Haus der Kulturen der Welt eingeladen, um mit Kollegen wie Tanith, Hardy Hard und Mijk van Dijk aufzulegen. Zusammen wollen sie „den Sound hochleben lassen“ und die „Wurzeln der elektronischen Gegenwartskultur abfeiern“. Sich gemeinsam an die Ursprünge erinnern – viel mehr scheint von der Loveparade mittlerweile nicht übrig geblieben zu sein, zumindest in Berlin.

Vor drei Jahren überwarf sich Dr. Motte mit seinem Geschäftspartner Rainer Schaller, dem er Kommerzialisierung vorwarf. Der wanderte mit der Parade 2007 ins Ruhrgebiet ab, wo sie zuletzt im vergangenen Jahr in Dortmund stattfand. Rund 1,6 Millionen Menschen zogen über eine abgesperrte Teilstrecke der B 1. In diesem Sommer sollte Bochum Veranstaltungsort sein. Doch die Stadt sagte ab. Aus Angst, dem Massenandrang nicht gewachsen zu sein. Der große Geburtstagsumzug zum 20. Jubiläum fällt somit aus.

In Berlin scheinen nur wenige das Großereignis zu vermissen. Einen ernst zu nehmenden Ersatz für den Technoumzug gibt es jedenfalls nicht, nur halbherzige Versuche. Ob Dr. Motte selbst etwas Neues aufziehen will? „Ich habe darüber nachgedacht“, sagt er, „aber dafür müssen einige Rahmenbedingungen stimmen.“ Der Politik wirft er mangelndes Entgegenkommen vor. Die Werbewirkung der Loveparade sei nicht genug geschätzt worden.

Zurzeit kümmert sich Dr. Motte lieber um sich selbst, sagt er. „Praxxiz“ heißt sein neues Label, bald soll die erste CD erscheinen. Wenn man den 48-Jährigen darüber sprechen hört, dann klingt er wie jemand, der Liebeskummer durch Arbeit zu bekämpfen versucht. Seine große Liebe, das war die Loveparade.

Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, Sonnabend 22 Uhr, Eintritt frei

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